SCHWARZER PETER

Ein Bekenntnis zum Gymnasium

Man muss der Hamburger Bürgerschaft – nicht den gewählten Volksvertretern, sondern dem Volk selbst – dankbar sein für die am Wochenende getroffene Entscheidung.  Es war keine Entscheidung gegen das längere gemeinsame Lernen, gegen die Idee der Einheitsschule. Es war vor allem eine Entscheidung für das Gymnasium, der Schulform, die über zweihundert Jahre Grundlage für den Aufstieg Deutschlands zu einer Wissenschaftsnation war. Deutsche Nobelpreisträger in Literatur oder in den Naturwissenschaften haben diese Schmiede künftiger Akademiker durchlaufen und wenngleich heute nicht mehr zwingend jeder Abiturient ein universitäres Studium anstrebt und es erstrebenswerter scheint, Superstar als Nobelpreisträger zu werden, so schwingt bei den Streben nach dem Abitur doch immer der Wunsch nach umfassender Bildung mit; nach Bildung, die berufliche Chancen eröffnet, die aber – und das ist das Entscheidende – mehr ist, als nur Berufsvorbereitung. Auch die Union hat dies leider allzu oft vergessen und gymnasiale und universitäre Bildung in den letzten Jahren auf betriebswirtschaftliche Eckdaten und Berufsvorbereitung reduziert.

Die Abstimmung in Hamburg bietet die Chance, sich daran zu erinnern, was gymnasiale Bildung eben auch ist: Sie ist Charakterbildung und die Erziehung zur Verantwortung. Sich an dieser Stelle an das humboldt‘sche Bildungsideal zu erinnern ist nicht rückständig, sondern fortschrittlich: Wilhelm Humboldt wollte junge Menschen zu autonomen Individuen erziehen, die Selbstbestimmung und Mündigkeit durch den Gebrauch der eigenen Vernunft erlangen. Er wollte die jungen Menschen zu Weltbürgern erziehen, d.h. sie sollten sich durch die Auseinandersetzung mit den großen Menschheitsthemen als Subjekt entfalten. Bei ihm klang das so: „So viel Welt als möglich in die eigene Person zu verwandeln, ist im höheren Sinn des Wortes Leben“. Wenn wir diesen Grundgedanken schon aus unseren Universitäten verbannt haben – und damit ihr weltweites Alleinstellungsmerkmal zerschlagen haben – , dann sollten wir ihnen wenigstens in den Gymnasien unseres Landes freien Raum lassen.

Die Abstimmung in Hamburg ist das Signal, endlich mit der Zerschlagung des alten und bewährten Bildungssystems aufzuhören. Es ist eine linke Lebenslüge, dass längeres gemeinsames Lernen für mehr Chancengerechtigkeit und eine höhere Durchlässigkeit oder gar den sozialen Aufstieg sorgt. Das gemeinsame Lernen produziert am laufenden Band Frustration: Der Lehrer ist frustriert, weil er sich nicht gleichermaßen den neugierigen und lernbegierigen wie den schwachen und hilfsbedürftigen Kindern zuwenden kann, die guten Schülerinnen und Schüler sind frustriert, weil sie ständig auf die Nachzügler, die, die etwas länger brauchen, warten müssen, und die schlechten Schülerinnen und Schüler erleben trotz größter Anstrengungen einen Misserfolg nach dem anderen, weil es ihnen einfach nicht gelingen will, mit den guten in der Klasse mitzuhalten. Und es ist kein Wunder, dass linke Politiker die jüngsten deutschen Ergebnisse der Pisa-Studie ignorieren, weil sie gezeigt haben, dass frühes differenziertes Lernen, dass sich an Anlagen und Fähigkeiten von Kindern orientiert, eben erfolgreicher ist, als die ewige Gleichmacherei.

Damit ich nicht falsch verstanden werde: An vielen Stellen bedarf es Veränderungen im Bildungssystem: Die Schulzeitverkürzung war ebenso richtig (wenn auch in der Umsetzung oft schlecht organisiert), wie die Akzentuierung auf die Fähigkeit, die deutsche Sprache zu beherrschen, um überhaupt am Unterricht teilzunehmen. Auch die Reformen an der Hauptschule waren überfällig. Vielerorts kann nicht nur wegen des demografischen Wandels die Zusammenlegung von Haupt- und Realschule sinnvoll sein, wenn sie denn gut strukturiert und vernünftig organisiert wird und im Mittelpunkt die Chancen und Perspektiven der Schülerinnen und Schüler stehen.

Das Gymnasium muss aber als Solitär unserer Bildungslandschaft bestehen bleiben. Und vielleicht ist die aktuelle Debatte auch angetan, um sich auch auf Seiten der Union einmal wieder darauf zu besinnen, was das Gymnasium eigentlich erreichen soll und kann, um dann wieder vorbehaltlos für diese Schulform einzutreten.

Nicht ganz so kompliziert wie Humboldt, sondern sehr viel lebensnaher hat es Heinrich Spoerl in seinem Buch „Die Feuerzangenbowle“ formuliert. Im Buch gibt es eine Szene, die im legendären Film mit Heinz Rühmann nicht vorkommt (wie immer ist das Buch besser als der schon gut gelungene Film). Die Primaner um den Schüler Pfeiffer sehen sich einem Kritiker des Gymnasiums ausgesetzt. Nur unnützes Zeug würden sie dort lernen, wird ihnen entgegen gehalten. Nach einigem Hin und Her explodiert Pfeiffer förmlich und schwingt sich zu einem großen Plädoyer für das Gymnasium auf. Er hält dem Kritiker entgegen: „Das Gymnasium hat natürlich mit Beruf und Brotarbeit nichts zu tun. In diese Tretmühle kommt man früh genug. Ein Gymnasium ist keine Fortbildungsschule. Wenn es darum geht, schnell ans Verdienen zu kommen und wer den Menschen nur nach Brieftasche und Bankkonto bewertet, der braucht allerdings kein Gymnasium. Der gehört auch gar nicht dahin. Der wird auch nie begreifen, dass es noch andere Werte gibt, die sich nicht in Mark und Pfennig ausdrücken lassen. Geistiges Besitztum, das man nicht kaufen, das man aber auch nie mehr verlieren kann. Dass einem aus dem Dreck des Alltags heraushebt, Erholung für gute Tage. Trost und Zuflucht wenn es einem mal dreckig geht. Sehen Sie, dafür gehen wir aufs Gymnasium!“

Es ist nicht schwer zu erkennen, dass der Schüler Pfeiffer hier ein Idealbild zeichnet, dass mit der Lebenswirklichkeit nicht übereinstimmt. So war das Gymnasium wahrscheinlich nie. Entscheidend war aber immer, dass es Bildungspolitiker gab, die versucht haben, diesem Ideal näher zu kommen. Und es wäre eine Aufgabe der Union, die von vielen Lehrerinnen und Lehrern, von den Eltern aber auch von den Schülerinnen und Schülern mit Zustimmung registriert werden dürfte, sich auf der Basis eines solchen Grundverständnisses dem Gymnasium in den bildungspolitischen Debatten anzunehmen. Dazu möchte ich meiner Partei dringend raten. Ich selbst war auf einem Gymnasium, in dem das Streben nach einem solchen Grundverständnis spürbar war. Ich habe es als Schüler vielleicht so nicht wahrgenommen, ich habe nicht selbstkritisch reflektiert, aber ich erinnere mich darum heute an vielen Stellen dankbar, an Dinge, die ich unabhängig vom Lehrplan lernen durfte oder musste.

Es bleibt eine Randnotiz, dass diejenigen, die sonst immer nach mehr Volksentscheiden rufen, nun beleidigt sind und den Bürgerinnen und Bürgern in Hamburg die Kompetenz in der Frage, die sie entschieden haben, absprechen. Gleiches ist – man erinnere sich – auch geschehen, nachdem die Schweizer Bevölkerung sich in einer Volksabstimmung gegen den Bau von Minaretten ausgesprochen hatte. Auch das scheint eine linke Lebenslüge zu sein: Das Volk ist nur kompetent, wenn es linken Ideen folgt. Sonst ist es verführt oder schlecht informiert. Ich glaube, die Bürgerinnen und Bürger in Hamburg haben sich sehr ausführlich Gedanken gemacht und wussten genau, worüber sie abstimmen.

Die CDU ist nun aufgerufen, für das Gymnasium als Schulform von der Klasse 5 bis zum Abitur engagiert zu streiten. Ein Zeitgenosse Humboldts und wie er Reformer in Preußen Anfang des 19. Jahrhunderts, der preußische General Gerhard von Scharnhorst, hat einmal gesagt: „Tradition heißt, an der Spitze des Fortschritts zu marschieren“. In diesem Sinne künftig für das traditionelle Gymnasium in der bildungspolitischen Debatte zu streiten, ist mehr als fortschrittlich.

1 Kommentar zu “Ein Bekenntnis zum Gymnasium

  1. So wie Primaner Pfeiffer habe ich auch das Gymnasium erlebt, vielleicht auch weil ich auf einem Scharnhorst-Gymnasium das Abitur gemacht habe, vielleicht aber auch nur weil es inzwischen 25 Jahre her ist – wenn ich mir die Schule meiner Kinder ansehe, ist angesichts von G8 davon nicht mehr viel übrig.

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