Afghanistan II: 5.000 Kilometer bis zum Hindukusch

Das Lager der Bundeswehr in Termez gab einen ersten Vorgeschmack auf das, was uns erwartete. Bis dorthin waren wir am Sonntag geflogen, um unsere Reise dann am Montag Richtung Kabul fortzusetzen. Rund 100 deutsche Soldaten tun hier auf dem Lufttransportstützpunkt Dienst. Sie gewährleisten, dass die Versorgung mit Nachschub gesichert ist und nehmen Besuchergruppen wie uns in Empfang. Wir haben einen ausführlichen Lagevortrag erhalten und vor dem Schlafengehen noch mit den Soldaten in der Betreuungseinrichtung etwas getrunken und gesprochen. Das kontinentales Klima, die Hitze um diese Jahreszeit, blühende Kakteen, laut zirpende Grillen sowie eine stets surrende Klimaanlage in jedem Raum machten uns deutlich, das wir Europa weit hinter uns gelassen hatten.

In Afghanistan leben 14 ethnische Gruppen, das Land hat sechs Nachbarländer – darunter Iran, Pakistan und China (was aus meiner Sicht schon die geostrategische wichtige Lage deutlich macht). Es ist doppelt so groß wie Deutschland, und das afghanische Volk hat 28 Millionen Köpfe. Übrigens hat das Land trotz seiner Armut die höchste Geburtenrate in Asien. 70 Prozent der Menschen und immer noch 90 Prozent der Frauen sind Analphabeten. Schon das allein macht deutlich, dass es nichts in Afghanistan gibt, was wir an unseren Wertmaßstäben messen können oder sollten.

Entgegen der vor uns liegenden Tage war das Programm am Sonntag nicht so vollgepackt. So hatten wir nach der offiziellen Begrüßung durch den Standortkommandeur noch Gelegenheit für ein „Dienstabschlußbier“ mit den Kameraden vor Ort. Übrigens gibt es klare Regeln für den Alkoholkonsum im Einsatz. Ob diese freilich eingehalten werden und es nicht doch gerade bei den Soldaten, die während ihres ganzen Einsatzes des Lager nicht verlassen können, zu entsprechenden Problemen kommt, kann ich nicht beurteilen. 

Klare Regeln gab es auch am nächsten Morgen in der Kantine. Mülltrennung war angesagt. Die deutschen Soldaten und auch wir haben sauber unseren Müll bzw. Abfall getrennt. Ob allerdings die Usbeken verstehen, was wir da tun, da habe ich meine leisen Zweifel! Die Frage, welcher Verwertungskette der Müll zugeführt wird, konnte mir niemand beantworten. Aber vielleicht steht im Vordergrund auch das Beibehalten liebgewonnener und vertrauter Gewohnheiten – ein Gedanke, der auf dem zweiten Blick glaube ich gar nicht so unvernünftig ist. Die Soldaten sollen angesichts einer fremden und bisweilen feindlichen Umwelt im Einsatz durchaus vertraute Dinge erfahren. Vielleicht gehört das adäquate Trennen des Mülls dazu?

Ankunft in Kabul

Mit der Transall ging es direkt nach dem Frühstück über den Hindukusch nach Kabul. Es ist ein Erlebnis, mit der Transall zu fliegen. Den Hinweis, nicht so weit vorne zu sitzen, weil es sonst unerträglich warm wird, aber auch nicht zu weit hinten, weil dort die Heizung nicht mehr funktioniere, konnte ich zumindest auf diesem ersten Flug ignorieren, denn ich hatte das Glück und durfte mich auf einen freien Platz im Cockpit setzen. So bekam man einen beeindruckenden Blick für die Landschaft und konnte den Piloten im wahrsten Sinne des Wortes über die Schulter schauen.

Der Hindukusch. Man merkt deutlich, dass die Briten bei der Grenzziehung in Kolonialzeiten wohl etwas falsch gemacht haben, denn der Norden Afghanistans ist durch diese natürliche Grenze vom Rest des Landes erkennbar getrennt. Angesichts der Infrastruktur und der Mobilität der afghanischen Bevölkerung ist es kein Wunder, dass es hier wohl große Unterschiede zwischen dem Norden und den anderen Regionen gibt.

Für die Besatzung der Transall ist dieser Flug sicherlich „Routine“ und eine Herausforderung zugleich. Für mich war das auf jeden Fall ein Erlebnis, und auch die Professionalität unserer Soldaten hat mich ziemlich beeindruckt. Die jungen Männer, die dort Dienst tun, strahlen eine Ruhe und Gelassenheit aus, die man sofort spürt.

Fast zehn Termine standen am ersten Tag in Kabul auf dem Programm. Wir kamen mit dem stellvertretenden Kommandeur der ISAF-Truppen zusammen, konnten mit deutschen Generälen und deutschen Soldaten sprechen und Mittagessen, haben den afghanischen Außenminister zu seinen Erwartungen an die internationale Gemeinschaft befragt und haben sowohl den nationalen Sicherheitsberater als auch den Transitionsbeauftragten sowie führende afghanische Militärs getroffen. Der Abend endete mit einem Empfang in der deutschen Botschaft in Kabul, die sich in der so genannten „green zone“ befindet.

Von afghanischer Seite war die Botschaft im Vorfeld des NATO-Gipfels in Chicago klar: Die internationale Gemeinschaft und die NATO sollen auch über 2014 hinaus den Aufbau Afghanistans unterstützen. Dabei habt die afghanische Regierung offensichtlich ziemlich klare Vorstellungen, denn an jeder Stelle waren die Botschaften identisch: Verstärkung der zivilen Aufbauhilfe und Bereitstellung von militärischen Fähigkeiten, über die die afghanischen Sicherheitskräfte selbst nicht verfügen. In der Tat waren wir in einer entscheidenden Woche vor Ort. In derselben Woche flog der afghanische Präsident nach Deutschland, um mit Bundeskanzlerin Merkel ein Abkommen zu unterzeichnen und der besagte NATO-Gipfel in den USA stand im Kalender. Unsere Gespräche in Kabul spiegelten daher ganz klar die afghanische Erwartungshaltung und Hoffnung an diese beiden Termine wieder. 

Direkt nach unserer Ankunft erfolgte das erste Briefing oder wie man wohl besser sagen sollte, der erste Lagevortrag. Die häufige Verwendung englischer Wörter ist eindeutig der Internationalität des Einsatzes geschuldet. Übrigens war gerade das für mich sehr faszinierend. Das Gemeinsame schien gut zu funktionieren und es gab kaum Klagen diesbezüglich. Am Flughafen nahmen uns nicht nur die Feldjäger in Empfang und packten uns in die bereitliegenden Schutzwesten, sondern auch der deutsche Botschafter begrüßte uns.

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