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Anna ist tot.

Anna ist tot. Und das macht mich traurig. Zugegeben: Ich kannte sie bis heute gar nicht. Kennengelernt habe ich sie durch ihre Nichte, die heute von ihr erzählt hat. Sie ist ermordet worden. Von ihren eigenen Ärzten und Pflegern, die ihr doch eigentlich helfen sollten. Anna gehört zu weit über 100.000 Deutschen, die von den Nationalsozialisten umgebracht worden sind, weil sie geistig oder körperlich behindert waren, psychisch erkrankt, schwer traumatisiert und eben schlicht und einfach nicht der Norm entsprachen. Alte und Junge, Frauen und Männer, selbst Soldaten, die für Deutschland im Ersten Weltkrieg gekämpft hatten und nicht den Weg zurück in ein normales Leben finden konnten, ließen Hitlers Schergen ermorden. Man nannte das „lebensunwertes Leben“. Kinder lernten in der Schule, was Obdachlose oder Behinderte die Gemeinschaft angeblich „kosten“ – und was man mit dem Geld doch alles Sinnvolles machen könnte. Heute hetzen die neuen Nazis gegen Flüchtlinge und rechnen aus, was diese angeblich „kosten“ – und was man mit dem Geld doch alles Sinnvolles machen könnte. Gäbe es keine Flüchtlinge, sie würden eine andere Rechengröße finden. Vielleicht wären es dann wieder die Behinderten. Ist es in Deutschland wieder erlaubt, Menschen nach ihrem angeblichen Wert zu unterscheiden? Jemand der arbeitet ist mehr wert als ein alter Mensch? Ein Deutscher mehr als ein Ausländer?

Anna ist tot. Und das macht mich fassungslos. Denn Anna war nicht krank, sie hatte lediglich eine leichte geistige Behinderung. Sie konnte lesen und schreiben, nur das Rechnen fiel ihr schwer. Sie konnten keinen Beruf erlernen, aber half ihrer Mutter treu und brav im Haushalt, auch wenn sie das Wort „treu“ vor der Kommission, die ihr als Diagnose „angeborenen Schwachsinn“ bescheinigte, nicht erklären konnte. Sie ist ermordet worden. Der Staat, der sie vor Verfolgung und Diskriminierung hätte schützen müssen, tat genau das Gegenteil. Er ersann eine Methode, um „lebensunwertes Leben“ zu nehmen. Heute ist die Menschenwürde unantastbar. Sie zu schützen, ist Aufgabe aller staatlicher Gewalt. So steht es im Grundgesetz. Nicht nur im Dritten Reich, sondern auch heute erleben wir aber, dass die Menschenwürde angetastet wird. Nicht nur damals bei Anna. Das darf uns nicht stumm machen. Wir reden über aktive Sterbehilfe als ob es am Ende des Lebens ja nicht schnell genug gehen könne. Wir reden über die Abtreibung von behinderten Kindern als sei das ungeborene Kind eine Sache und kein Mensch. Wer entscheidet eigentlich, wie viel Leben lebenswert ist? Der Staat? Ist es in Deutschland wieder erlaubt, zu definieren, welches Leben lebenswert und welches ist?

Anna ist tot. Und das macht mich wütend. Sie war ein Mädchen, eine junge Frau. Und sie hatte eine Behinderung. Sie hatte niemandem ein Leid zugefügt. Trotzdem hatten die Nazis ein Gesetz verabschiedet, dass Menschen wie sie außerhalb der Gesellschaft stellte. Und heute? Beleidigungen wie „Spasti“ oder „Mongo“, aber auch andere diskriminierende Bezeichnungen wie „Neger“ oder „schwule Sau“ waren lange verpönt. So redet man nicht. Unter dem Deckmantel, einer übertriebenen Political Correctness den Kampf anzusagen, werden solche Worte heute von Rechtsextremen zunächst als Provokation benutzt, um sie dann wieder hoffähig zu machen. Gewalt beginnt zunächst mit der Sprache. Ist es in Deutschland wieder erlaubt, Minderheiten zu beschimpfen und zu diskriminieren? Sich lustig zu machen über die Schwachen und die, die Anders sind? Die zu verachten, die sich nicht wehren können, das hat Konjunktur. Und wer dann noch „Volksverräter“ oder „Lügenpresse“ ruft und demokratische Parteien als „Systemparteien“ oder „Altparteien“ verunglimpft, der muss sich die Frage gefallen lassen, ob er nur wie ein Nazi redet oder nicht in Wahrheit auch wie einer denkt. Denn die Sprache verrät viel über uns.

Anna ist tot. Nicht nur Anna, Millionen sind von den Nationalsozialisten in deutschem Namen ermordet worden. Am 27. Januar 1945 endete das Morden in Auschwitz, dem Ort des Schreckens, der zum Synonym für den Holocaust und den nationalsozialistischen Terror geworden ist. Die Ermordung von Behinderten ging über das Kriegsende hinaus weiter, wie man heute weiß. Die Ärzte hielten teilweise die alliierten Soldaten mit gefälschten „Typhus“-Schildern von den Einrichtungen fern, um das Morden fortzusetzen. Heute wird an die Opfer der Euthanasie besonders erinnert. So geben wir ihnen ihre Würde zurück. Und man sieht, was die Nazis auch ihrem eigenen Volk angetan haben.

Anna ist tot. Und nachdem ich ihre Geschichte kenne, werde ich sie nicht mehr vergessen. Der 27. Januar ist ihr Gedenktag. Wie kann man ernsthaft fordern, dass jetzt einmal Schluss sein müsse, sich an das Schicksal von Menschen wie Anna zu erinnern? Diese Bundesrepublik, die die Würde des Menschen zum zentralen Gedanken ihrer verfassungsmäßigen Ordnung gemacht hat, wäre ein gutes Deutschland für Anna gewesen. Ein Trost ist nur, dass Menschen wie Anna heute zu uns gehören. Sie sind Teil des Wir – und die neuen Nazis stehen außerhalb der Gemeinschaft. Tun wir alles dafür, dass das so bleibt.

Zeitgeschichte als „Betriebsanleitung“ Die Tagebücher von Kurt Biedenkopf

Insgesamt 1 500 Seiten umfassen die jetzt veröffentlichten Tagebücher Kurt Biedenkopfs für die Zeit von 1989 bis 1994. Schon allein dieser Umfang beschreibt die unglaubliche Dynamik und Fülle dieser Zeitenwende (und eine ungekürzte Fassung wird erst demnächst online publiziert). Ich selbst war während des Falls der Mauer Schüler. Aber auch ich habe damals gespürt, dass es besondere Zeiten waren, die wir erlebten. Kurt Biedenkopf hatte das Glück diese Zeit mitgestaltet. Wer seine Tagebücher liest, der spürt: Es war nicht nur eine spannende Aufgabe für ihn, es war ihm eine Berufung.

„Die Vierzigjährigen in unserem Land gehören nicht zu den initiativreichsten und risikofreudigsten Menschen“, schreibt Kurt Biedenkopf am 6. Februar 1990 (Band 1, S. 98). Mit heute 41 Jahren habe ich dennoch sehr gerne das „Risiko“ auf mich genommen, in dieser Woche die Tagebücher eines meiner Vorgänger im Amt des Generalsekretärs der CDU vorzustellen. Auf jeden Fall ist es eine Ehre für mich._5165 Kopie

Diese Tagebücher sind nicht nur eine Chronik der Arbeit und des Lebens von Kurt Biedenkopf, sie sind im 25. Jahr der Deutschen Einheit auch ein Dokument der Zeitgeschichte. Es ist aber auch eine „Anleitung“ für Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft, die er schon vor 25 Jahren beeindruckend klar beschrieben hat – von der Einwanderung bis zur Globalisierung.

Und die Tagebücher sind eine ungemein kurzweilige Lektüre. Dass Kurt Biedenkopf 1991 Pfeifenraucher des Jahres war, dass er im August 1990 noch Staatsbürger der DDR wurde, „Pretty Woman“ offensichtlich zu seinen Lieblingsfilmen gehört oder dass er sich als Ministerpräsident mit der Fahrt im Führerstand der Kleinbahn in Dippoldiswalde einen Kindheitstraum erfüllte, wussten vermutlich nur die Wenigsten. In den Tagebüchern finden diese Facetten Platz, auch weil der Autor bewundernswert detailliert berichtet. Allein der Eintrag vom 22. September 1990 umfasst 22 Seiten. Schnell stellt sich die Frage, wann Kurt Biedenkopf die Zeit gefunden hat, all das aufzuschreiben. „Nachts!“, rief seine Frau Ingrid bei der Buchvorstellung aus der ersten Reihe. So etwas hatte ich schon vermutet.

Volker Kauder hat einmal zu mir gesagt: „Einmal Generalsekretär, immer Generalsekretär.“ Dass daran etwas Wahres ist, merkt man dem Tagebuch an. Den ehemaligen Generalsekretär Kurt Biedenkopf lässt seine Partei, seine CDU, nicht los. Der Aufbau einer neuen Parteistruktur in Sachsen nahm Biedenkopf ebenso in Anspruch wie die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Ost-CDU. Er geht sensibel mit den verschiedenen Persönlichkeiten und Geschichten um. Er lässt sich darauf ein, ist neugierig und aufgeschlossen gegenüber neuen Gedanken und neuen Gesichtern. Zu diesen gehörte im Jahr 1991 auch Angela Merkel:

Schließlich wurden Frau Merkel und Frau Lieberknecht als stellvertretende Vorsitzende und Mitglied des Präsidiums gewählt. Zwei junge Frauen, die sich hervorragend vorstellten und ein Ausdruck der Verjüngung und Erneuerung der Partei sind, wie man ihn sich nicht schöner vorstellen kann.“ (Band  2, S. 283)

Es sind darüber hinaus immer wieder Parallelen zu den Herausforderungen heute zu entdecken. Die Debatte um die Republikaner in dieser Zeit erinnert stark an die Auseinandersetzung mit der heutigen AfD. Und die Partei stellte sich auch 1993 schon die Frage, wie sie die Jugend besser erreichen könne. Deutlich werden diese Debatten in der CDU vor allem dank Biedenkopfs Mitschriften aus den Bundesvorstands- und Präsidiumssitzungen. Diese „Leaks“ aus den Gremiensitzungen sind hochinteressant. Während man heute am nächsten Tage Details der Sitzungen in den Zeitungen nachlesen kann, sind die Einblicke in die Debatten der Gremien und hinter die verschlossenen Türen vor 25 Jahren ein wirklicher Mehrwert.

Ein zentrales Thema der Bücher ist die Deutsche Einheit und die (erneute) Gründung des Freistaats Sachsen. Am 20. November 1989 beschäftigt sich Kurt Biedenkopf zum ersten Mal mit dem Gedanken, was er persönlich zur Gesundung der DDR beitragen könne. Die „Größe der Aufgabe“ war ihm schnell klar. Im Umbruch sah er auch für den Westen eine große Chance, um einen Aufbruch zu wagen. Die Chance, Pfründe und Mittelmäßigkeit abzuschütteln, sieht Biedenkopf später verpasst. Der Mut zur Veränderung habe im Westen weniger geherrscht als im Osten.

Mutig waren die Menschen in Sachsen, wo Biedenkopf – wie er selbst schreibt – seine Bestimmung fand:

„Nach vier Wochen Wahlkampfreise und Besuch fast aller Landkreise und kreisfreien Städten in Sachsen sehe ich das Land mit anderen Augen. Was noch vor Monaten trüb und grau erschien, beginnt zu leuchten. Ich kann erkennen, wie die Dörfer und Städte in fünf Jahren aussehen werden. Überall beginnt es zu sprießen. Kleine Läden werden neu eingerichtet, an den Häusern erscheinen Gerüste, erste Baustellen entstehen. Eine große Geschäftigkeit hat weite Teile des Landes erfasst.“ (Band 1, S. 376)

Diese Sätze verkörpern Zuversicht, Aufbruchsstimmung und Selbstbewusstsein. Zu Recht, wie sich beim grandiosen Wahlsieg und bei der Wahl zum Ministerpräsidenten am 27. Oktober 1990 zeigte. 32 Stimmen kamen gar aus den Reihen der Opposition. Ein herausragendes Ergebnis für einen fulminanten Wahlkampf. Man muss sich vor Augen führen: Zwischen dem ersten Gedanken daran, als Ministerpräsident in Sachsen zu kandidieren und dem Tag der Wahl durch den sächsischen Landtag, lagen ganze 166 Tage.

„Ein neues Land entsteht“, ist der zweite Band der Tagebücher überschrieben. Das ist wörtlich zu verstehen. Eine neue Verfassung des Freistaats musste her, Kreisgebietsreform, Neuordnung des Wirtschaftslebens und des Arbeitsmarktes, Probleme mit der Treuhand – an Aufgaben herrschte kein Mangel. Auch heute noch sind viele der Fragen von damals „ungewollt“ aktuell:

„Den Straßenverkehr will Kohl unter dem Einfluss von[Günther] Krause durch die Ausgabe von Vignetten, also durch Straßenbenutzungsgebühren, verteuern. (…) Man will die Holländer und alle anderen Nachbarn für die Nutzung unserer Autobahnen zur Kasse bitten, um damit auch die Wettbewerbsnachteile auszugleichen, unter denen heute die deutschen Transporteure leiden.“ (Band 3, S. 136)

Weitere Beispiele sind die Perspektive schwarz-grüner Koalitionen, die geopolitische Lage der Ukraine, die Notwendigkeit einer wirtschaftspolitischen Flankierung des Euro und die Lage im Nahen Osten. Biedenkopf thematisiert messerscharf die Erwartungshaltung in der DDR gegenüber dem westlichen Gesellschafts- und Wirtschaftssystem. Er befürchtete eine aus Unverständnis gegenüber den Neuerungen erwachsene Passivität. Eine Haltung, die auch heute eine erfolgreiche Integration zu behindern droht:

„Den meisten ist die freiheitliche Ordnung ebenso ein Buch mit sieben Siegeln wie das Fernsehgerät, das sie täglich benutzen, oder das Auto, mit dem sie zur Arbeit fahren. Sie wissen, wie man diese komplexen Systeme gebraucht. Aber sie wissen nicht, wie sie funktionieren. Bei der Technik reicht die Kenntnis von der Handhabung der Systeme aus. Bei den gesellschaftlichen Zusammenhängen, in die man sich einbringt, reicht sie im Grunde nicht. Jedenfalls reicht sie nicht für denjenigen, der nicht in der freien Gesellschaft aufgewachsen ist, sondern mit ihr erst als Erwachsener konfrontiert wird. Er muss wissen, wie sie funktioniert, denn er muss wissen, in was er sich einbringt.“ (Band 1, S. 145)

Wichtig war Kurt Biedenkopf neben den institutionellen und wirtschaftspolitischen Neuerungen die Stiftung von Identität. Wie sehr er sich den Sachsen verbunden fühlte, zeigt exemplarisch sein Einsatz für die Sanierung der Altstadt in Görlitz und für die Porzellanmanufaktur in Meißen. Mehr noch als eine Verfassung bedeuten Denkmäler, Gebäude und regionale Produkte Heimat. Sie berühren das Herz. Dieses Identitätsbewusstsein war für Biedenkopf eine wichtige Voraussetzung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, den er allerdings gefährdet sah:

„So kommt der Zusammenhalt des Ganzen, der ein geistiger Zusammenhalt sein muss, in Gefahr, verlorenzugehen. Wir haben unseren einmaligen Wohlstand in den vergangenen Jahrzehnten erarbeiten können, weil wir bereit waren, alle Kräfte des Einzelnen freizusetzen. Auf soziale Bindungen, wie Rücksichtnahme, personale Zuwendung, Nächstenliebe, Bereitschaft zur Begrenzung zugunsten des Schwächeren, personale Solidarität, haben wir im Zuge der Emanzipation [des Einzelnen] weitgehend verzichtet.“ (Band 2, S. 405)

Diese Themen beschäftigen uns auch heute ganz aktuell. „Dann ist das nicht mein Land!“, sagt unsere Bundeskanzlerin und meint die Abwesenheit der hier aufgeführten Werte. Sie sind ein Angebot an die Menschen, die zu uns kommen, gleichzeitig aber auch eine klare Aussage darüber, was unser Land zusammenhält. Und so lesen sich viele Passagen der Tagebücher wie Beschreibungen der Herausforderungen, derer wir heute gewahr werden. Viele Gedanken und Sätze, sind heute noch ebenso richtig und wichtig wie vor 25 Jahren.

Die Tagebücher Kurt Biedenkopfs empfehle ich auch aus diesem Grund dringend zur Lektüre. Vor allem aber, weil das Eintauchen in die spannende Zeit vor 25 Jahre viel Freude bereitet.

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  • Band 1, „Von Bonn nach Dresden“ – Aus meinem Tagebuch. Juni 1989 bis November 1990, München 2015.
  • Band 2, „Ein neues Land entsteht“ – Aus meinem Tagebuch. November 1990 bis August 1992, München 2015.
  • Band 3, „Ringen um die innere Einheit“ – Aus meinem Tagebuch. August 1992 bis September 1994, München 2015.

Die Bilder stammen von Petra Schulz, Sächsische Landesvertretung. Danke!

Vergessene Kriegsschicksale – drei lesenswerte Bücher und ein Film

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Am 8. Mai 1945 war der Krieg zu Ende. Deutschland und Europa waren vom Nationalsozialismus befreit. Während viele Deutsche unter unterschiedlichen Voraussetzungen in den drei westlichen Besatzungszonen und der SBZ den Blick nach vorne richteten, ließ der Krieg hunderttausende Menschen, vor allem viele Frauen, nicht los – teilweise bis heute. Das Leiden dieser Menschen wurde teils tabuisiert und ging unter in einer Gesellschaft, die sich der Vergangenheit nicht stellen wollte, die mit dem Wiederaufbau beschäftigt war und in der jeder seine eigenen Sorgen und Nöte zu bewältigen hatte.

Die Zahl derjenigen, die schon ein Weiterleben über das Kriegsende hinaus aus unvorstellbar für sich sahen, ist bis heute nicht zu ermitteln. Florian Huber geht in seinem Buch „Kind, versprich mir, dass du dich erschießt. Der Untergang der kleinen Leute 1945“ dem im untergehenden Dritten Reich verbreiteten Phänomen des Massenselbstmordes nach. Er spricht von zehntausenden Selbstmorden und schildert eine Fülle von Fallbeispielen detailliert. So kann man getrost von einer Massenpsychose sprechen, wenn sich in Orten wie Demmin, Neustrelitz oder Malchin jeweils mehrere hundert Menschen unmittelbar während und kurz nach dem Einmarsch auf die unterschiedlichste Art und Weise das Leben nahmen, sich erhängten, ins Wasser gingen, vergifteten. Väter töteten zunächst ihre Kinder, ihre Frau und dann sich selbst richteten. Der Handel mit Gift und das Gespräch über die verschiedensten Weisen, sich zu töten, wurde „normal“.

Doch Florian Huber belässt es nicht bei einer deskriptiven Beschreibung, sondern stellt die Frage, warum diese Menschen den Vernichtungswillen der Nationalsozialisten, der sich in der Endphase des Krieges auch gegen das eigene Volk richtete, im wahrsten Sinne des Wortes am eigenen Leib nachvollzogen. Huber sucht die Erklärung dafür nicht allein in der unmittelbaren Situation des Untergangs, in der Verzweiflung und der Not des Zusammenbruchs, sondern zeichnet ein Psychogramm, das die latente Gewaltbereitschaft der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft ebenso einbezieht, wie die Perspektive der individuellen Schuld und Verstrickung. Es ist ein wirklich lesenswertes Buch über ein all zu lang verdrängtes Kapitel deutscher Zeitgeschichte.

Von den drei hier genannten hat mich das Buch von Miriam Gebhardt „Als die Soldaten kamen“ über das Schicksal der vergewaltigten Frauen bei Kriegsende und in den ersten Jahren der Besatzungszeit besonders berührt. Unabhängig davon, ob man Gebhardts Zahlen von rund 900.000 vergewaltigten Frauen für korrekt hält oder von wie in anderen Arbeiten erwähnt von gut 2 Millionen vergewaltigten Frauen ausgeht, rückt das Buch ein Thema in den Blickpunkt, dass definitiv mehr Aufmerksamkeit verdient – und zwar nicht nur unter dem Gesichtspunkt historischer Aufarbeitung. Beeindruckt hat mich vor allem die herausgearbeitete Tatsache, dass die Frauen erstens längst nicht nur an der Ostfront und unmittelbar in der Zeit des Zusammenbruchs Opfer von sexueller Gewalt wurden, sondern diese sich auch auf die drei Westzonen erstreckte. So geht die Autorin davon aus, dass gut 200.000 Frauen in der amerikanischen Besatzungszone Opfer einer Vergewaltigung wurden und über 40.000 Frauen durch französische Soldaten vergewaltigt wurden. Eine entsprechende Dunkelziffer – darauf weist Gebhardt hin – erschwert eine genaue Ermittlung, so wie man sich außerdem bewusst machen muss, dass viele Frauen mehrfach vergewaltigt wurden. Diese Aspekte der Massenvergewaltigung sind nicht Bestandteil der Kriegserinnerung der Deutschen, während die Vergewaltigungen in Berlin bei Kriegsende und die Schändungen durch Soldaten der Roten Armee im Osten schon allein aufgrund des dann folgenden Kalten Krieges eine andere Wahrnehmung erfuhren.

Es ist unbestreitbar ein großes Verdienst der Autorin, dies aufzubrechen. Doch damit nicht genug. Viele der Frauen blieben Opfer: Behördenwillkür, keine Anerkennung der Vergewaltigung, gesellschaftliche Stigmatisierung: all das waren Erfahrungen die viele der Frauen in der Bundesrepublik und der DDR machen mussten. Auch heute noch wenden sich Wissenschaft und Gesellschaft dem Thema nicht im notwendigen Umfange zu. So kann es passieren, dass die betroffenen Frauen in Alten- und Pflegeheimen erneut traumatisiert werden – ohne dass es jemand bemerkt oder die Reaktionen richtig deutet. Nur wenige wie die Altenpflegerin und Traumatherapeutin Martina Böhmer, die Gebhardt erwähnt, engagieren sich in dieser Frage.

Der Umgang mit den Tätern durch die Besatzungsmächte war nicht stringent. Gab es einerseits eine Reihe von Todesurteilen gerade gegen Kriegsende, so schützten die Armeen ihre Soldaten andererseits durch eine Rückversetzung in die Heimat vor der Strafermittlung durch deutsche Zivilstellen, die teilweise sowieso eine entsprechende Zurückhaltung und Hilflosigkeit gegenüber den Besatzungstruppen zeigten. Die Konflikte zwischen den fremden Soldaten und der deutschen Bevölkerung wurde zumindest in der Bundesrepublik durch die Medien durchaus thematisiert.

Dabei sahen sich die Frauen aber durchaus auch mit Vorwürfen konfrontiert. Den Opfern wurde all zu oft ein unpassender Lebenswandel unterstellt. Daher ist es begrüßenswert, dass die Autorin den Folgen breiten Raum zuteilwerden lässt. Nur die wenigsten Frauen offenbarten ihr Martyrium und kämpften gar um eine Entschädigung oder finanzielle Unterstützung. Gebhardt kritisiert denn auch, dass die Frauenbewegung – wohl auch aufgrund ihrer Nähe zur politischen Linken – in den 1970er Jahren die Chance verpasste, die Massenvergewaltigungen an ihrer eigenen Müttergeneration entsprechend zu thematisieren. Durch den Ost-West-Konflikt und die Prägung des Themas als vor allem die Rote Armee und damit die Sowjetunion betreffend schien ein Aufgreifen nicht opportun. So ist das Thema bei weitem nicht nur ein historisches, sondern auch ein gesellschaftspolitisches.

Viele Frauen schwiegen zu dem erfahrenen Leid wohl auch, weil sie Verantwortung für ihre Kinder hatten und damit beschäftigt waren, das tägliche Überleben sicherzustellen. Tausende Kinder und Jugendliche wurden jedoch n den letzten Wochen und Tagen des Krieges und nach Kriegsende ihrer Mütter beraubt und so zu Opfern des Krieges. Durch Flucht und Vertreibung aus dem Osten verloren viele ihre Großeltern und Eltern durch Vergewaltigung, Ermordung, Hunger oder sie wurden in den Wirren dieser Tage schlichtweg voneinander getrennt und fanden sich nicht wieder. Diese so genannten „Wolfskinder“ gehören zu den Vergessenen des Krieges.

Durch Bücher wie das von Sonya Winterberg oder auch den Film Wolfskinder von Rick Ostermann rückte ihr Schicksal wieder ins öffentliche Bewusstsein. Wie viele Kinder ihrer Identität beraubt nach Kriegsende noch starben oder schließlich in die DDR oder die Bundesrepublik gebracht wurden, wenn ihnen nicht die von vielen angestrebte Flucht nach Litauen gelang, lässt sich heute kaum noch sagen. Erst nach dem Ende des Kalten Krieges bestand für viele dieser Menschen überhaupt erstmals die Möglichkeit, sich mit der eigenen Identität und Geschichte auseinanderzusetzen. Lange mussten sie um Anerkennung und Unterstützung durch deutsche staatliche Stellen kämpfen.

Versehen mit einem Vorwort von Rita Süßmuth gelingt es der Autorin anhand von ausgewählten Lebensgeschichten nicht nur die Zeit kurz vor der Flucht, die verlorene Heimat, sondern auch das Chaos und die Irrungen von Flucht und Vertreibung aus Sicht der betroffenen Wolfskinder nachzuzeichnen. So entstand ein Sachbuch, dass doch so stark und emotional ist, dass das Schicksal der Kinder, der Verlust ihrer Identität, der Familie und der Heimat viel besser verstehen lässt, was Flucht und Vertreibung für 15 Millionen Deutsche bei Kriegsende bedeuteten, als es die bloßen Zahlen und Landkarten zu zeigen vermögen.

Gleiches gilt für den bildreichen Film von Rick Ostermann, der mit eindrucksvollen Landschaftsaufnahmen und starken Bildern anhand des Schicksals zweier Brüder alle auch im Buch dokumentierten Erfahrungen der Wolfskinder bündelt und aufzeigt. Der Film lebt dabei von kurzen aber starken Dialogen und einer intensiven Bildsprache. Das Schicksal der Wolfskinder hat inzwischen eine breitere mediale Aufmerksamkeit gefunden und das Buch von Sonya Winterberg ist absolut empfehlenswert.

Drei lesenswerte Bücher, die einen Einblick in das geben, was die Deutschen, ob wir es wollen oder nicht, bis heute prägt. Und es zeigt, dass die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus auch für uns selbst nicht beendet ist.

Darüber hinaus stellt sich die Frage, wie sehr diese Erfahrungen uns als Deutsche bis heute beeinflussen. Miriam Gebhardt beschreibt, dass der Psychoanalytiker Uwe Langendorf festgestellt habe, dass über ein Drittel seiner Patienten einen Vertriebenenhintergrund hat, nachdem er anfing, sich mit möglichen Kriegstraumata zu beschäftigen.

Zwei Fragen lassen sich also stellen: Mit Blick auf uns selbst sollten wir uns damit auseinandersetzen, ob wir uns wirklich befreit haben von dem was der Nationalsozialismus in die Köpfe der Menschen gepflanzt hat und den dunklen Gefühlen, die er aktivieren wollte. Sind wir uns bewusst, dass jeder fünfte Deutsche in seiner Familie ein Flucht- und Vertriebenenschicksal hat? Sind wir eine mitfühlende Gesellschaft, die den einzelnen in den Blick nimmt und die notwendige Empathie aufbringt – auch für das selbst erfahrene Leid.

Und mit Blick auf die vielen Flüchtlinge und Hilfesuchenden, die derzeit in Deutschland sind oder zu uns kommen: Haben wir auch nur den Hauch einer Ahnung, wie schwer das Gepäck ist, dass diese Menschen an Erfahrungen und Leid mit sich herumtragen, selbst wenn sie nur mit dem was sie am Leibe tragen bei uns ankommen? Wir können von unserer eigenen Geschichte so viel lernen, wenn wir sie denn kennen.

Miriam Gebhardt, Als die Soldaten kamen. Die Vergewaltigung deutscher Frauen am Ende des Zweiten Weltkrieges, München 2015.

Florian Huber, Kind, versprich mir bitte, dass du dich erschießt. Der Untergang der kleinen Leute 1945, Berlin 2015.

Sonya Winterberg, Wir sind die Wolfskinder. Verlassen in Ostpreußen, München 2014.

„Ich wollte es wäre Nacht oder die Preußen kämen“ 200 Jahre Schlacht von Waterloo

Warum uns Waterloo heute interessieren sollte

Das Jahr 2015 ist reich an Gedenktagen. Wenn da nicht tagtäglich Herausforderungen vor uns liegen würden, die uns beschäftigen, dann bestünde auf eine ganz andere Art und Weise die Möglichkeit, sich anlässlich dieser vielen historischen Jahrestage mit den Ursachen und Folgen sowie den Konsequenzen für heute zu beschäftigen: 25 Jahre deutsche Einheit, 70 Jahre Ende des Zweiten Weltkrieges und 200 Jahre Schlacht von Waterloo.

Waterloo? Ist das nicht dieses Lied von Abba? Ja da gibt es ein Lied und das Feuilleton der WELT klagt zurecht darüber, dass das vielfach hörbare Bemühen, den Namen des belgischen Ortes möglichst in „breitem Amerikanisch“ auszusprechen, den Rückschluss zulässt, dass die meisten Menschen eher den Popklassiker der schwedischen Eurovision Song Contest Gewinner von 1974 erinnern als die Schlacht, ihren Hergang und ihre Bedeutung selbst.

Manch einer kann hingegen mit dem Schulwissen aus dem Geschichtsunterricht glänzen und wirft jetzt ein: Da war doch Napoleon, seine spektakuläre Rückkehr für hundert Tage von Elba nach der ersten großen Niederlage in der Völkerschlacht bei Leipzig.  Und dann die Koalition aller europäischen Mächte um den Kaiser der Franzosen endgültig zu bezwingen. Seine Verbannung nach Elba und die Restauration einer europäischen Ordnung, die auf der Macht der Fürsten gründete. Warum aber sollte uns in Deutschland oder Europa dieser Jahrestag, die Erinnerung an eine außergewöhnliche blutige Schlacht heute noch beschäftigen? Wir leben schließlich in einem vereinten Europa! Das ist lange her und hat keine Bedeutung für heute.

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Zumindest der Geschichtswissenschaft ist dieses Jubiläum zahlreiche Auseinandersetzungen und Publikationen wert. Die deutschen Verlage habe eine Fülle unterschiedlicher Titel publiziert und es gibt zahlreiche populärwissenschaftliche Darstellungen. Einige will ich hier gerne zur Lektüre empfehlen.

Damit nicht genug. Wer dem Pulverdampf nachempfinden will, der ist vor Ort oder wenigstens im Netz dabei: 5.000 Darsteller, 300 Pferde und 100 Kanonen stellen wesentliche Elemente der Schlacht vor Ort nach. „Reenactment“ lautet das Stichwort. Gleichwohl kommt dieses Spektakel, bei dem man auch eine Reproduktion von Napoleons Hut erstehen kann, dem Schrecken in keiner Weise nahe, sieht man vielleicht von der Farbenpracht der Uniformen einmal ab. Über 20.000 Männer bezahlten für die Großmachtfantasien des kleinen Korsen und den von Briten und Preußen angeführten Widerstand mit dem Leben oder wurden verwundet.

Etwas harmloser kommt da die Lego-Ausstellung zur Schlacht daher, die kleinen aber auch großen Kindern einen Zugang zu den historischen Ereignissen vermittelt.

Was ist geblieben bis heute? Nur bei genauem Hinschauen entdeckt man Elemente der Erinnerungskultur an diese Schlacht in deutschen Städten. Für das preußische Berlin hat der Tagesspiegel einmal recherchiert, wie damals der Schlacht im Stadtbild gedacht wurde – und wie man versucht hat, die Erinnerung an die Schlacht nach dem Zweiten Weltkrieg zu tilgen.

Mit dem Sieg bei Waterloo, in der deutschen Geschichtsschreibung bis ins 20. Jahrhundert Schlacht von Belle Alliance genannt, während die Franzosen die Schlacht nach dem Ort Mont Saint-Jean nannten, wurde die auf dem Wiener Kongress gefundene europäische Friedensordnung gefestigt. Noch einmal restaurierten die Fürsten ihre Macht bevor endgültig die Ära der Nationalstaaten anbrach.

Kann man etwas lernen?

Wie steht es nun um die Lehren aus der Geschichte? Die Schlacht ist ein gutes Beispiel dafür, wie sehr Geschichte aus dem jeweiligen Zeitbezug betrachtet wird. Zum 200. Jahrestag der Schlacht stellen sich daher andere Fragen als noch 1915, ein Jahr nach dem Beginn des Ersten Weltkrieges, als deutsche Truppen das historische Schlachtfeld erobert hatten und diverse Gedenkfeiern, u.a. in Hannover stattfanden. Besonders lesenswert finde ich das Buch „Der längste Nachmittag“ des britischen Historikers Brendan Simms. Simms konzentriert sich auf ein Detail der Schlacht: das Gefecht um den Meierhof bei La Haye Sainte. Dort behaupte das 2. Bataillon der Königlich Deutschen Legion – ungefähr 400 Mann – gegen einen übermächtigen Feind solange die Stellung, dass Napoleons Truppen der entscheidende Durchbruch in Wellingtons Zentrum nicht gelang – und die Preußen kamen. Neben den anhand von Tagebüchern und Aufzeichnungen akribisch nachgezeichneten Abläufen an diesem Nachmittag sind aber vor allem Simms Analyse und seine Interpretation bedenkenswert. Er beschreibt, warum diese Schlacht und auch das Handeln der Soldaten der Königlich Deutschen Legion traditionsbildend für die Bundeswehr aber auch für das Europa von Heute sein können.

Schon Zeitgenossen haben den Kampf zu einer „Sache Europas“ stilisiert. Widerspruch fanden sie nicht – im Gegenteil. General-Major Carl von Alten, der Kommandeur der Königlich Deutschen Legion, wurde als „Soldat Europas“ bezeichnet. Brendan Simms verweist darauf, dass der deutsche Befehlshaber des 2. Bataillons, Georg Baring, später geadelt, eine soldatischen Tradition begründete, die sich vom „preußisch-österreichischen Kampf um die Vormacht im Reich, der Kleinstaaterei der deutschen Fürstentümer, (…) des Kaisers oder der Wehrmacht grundsätzlich“ unterschied. Die Soldaten kämpften tapfer buchstäblich bis zur letzten Patrone, aber sie opferten nicht ihr Leben, sondern zogen sich schließlich zurück als die Übermacht erdrückend wurde. Die Verluste blieben relativ gering und dennoch ist aus Simms Sicht dieser Teil der Schlacht entscheidend für den Sieg. Die Offiziere handelten zudem verantwortlich für ihre Männer, so Simms. Eine spannende Passage des Buches und für eine Armee wie die Bundeswehr, die sicherlich inzwischen ihre eigene Tradition begründet hat, aber durchaus nach Traditionslinien in der langen deutschen Militärgeschichte schauen sollte, bedenkenswert.

Wer den schnellen kurzen Überblick liebt, der sollte die Zusammenfassung von Marian Füssel lesen. In der Reihe des Beck-Verlags erschienen findet man eine historische Einordnung, eine Beschreibung des Ablaufs der einzelnen Gefechte die sich zur Schlacht zusammenfügen und Einblicke in die Alltagserfahrungen der Soldaten. Füssel weist zu recht darauf hin, dass 2015 erstmals ein historisches Erinnern an die Schlacht fernab von Ressentiments möglich sei.  Die vielen Ansätze und Aspekte, die er wenigstens erwähnt, machen das Büchlein zu einer kurzweiligen Lektüre. Allein seine Negierung des preußischen Beitrags zum Schlachterfolg irritiert etwas.

Davon kann in der epischen Darstellung des britischen Autors Bernhard Cornwell keine Rede sein. Wenigstens er zitiert den Wellington in den Mund gelegten Ausspruch: „Ich wünschte es wäre Nacht oder die Preußen kämen.“ Die Preußen kamen in den späten Stunden des Nachmittags. Napoleon hatte so lange gezögert, dass auch seine Garde das Blatt nicht mehr wenden konnte. Der Autor verknüpft die unterschiedlichen Abläufe und Phasen der Schlacht mit dem Erleben durch die Soldaten und entwickelt so ein Szenario, dass So beschreibt Cornwell die Schlacht auch als eine Verkettung von Zufällen und Fehlern, die dazu führten, dass eine europäische Armee unter britischer Führung dem Hegemoniestreben Napoleons und Frankreichs im 19. Jahrhundert ein Ende setze.

Vielleicht ist die Lehre aus dem blutigen Ende der napoleonischen Ära auch, dass Europa nur gemeinsam stark sein kann. Es brauchte auch auf deutscher Seite noch zwei Weltkriege, um das, was damals schon augenfällig war, zu verstehen und zu verinnerlichen. Sich dessen angesichts der Krisen in und um Europa bewusst zu werden, scheint notwendiger denn je. Unabhängig solcher weiter führender Gedanken: Spannend sind die Ereignisse der Schlacht sowie ihre Folgen für die deutsche Geschichte allemal.

Lesetipps

Bernhard Cornwell, Waterloo. Eine Schlacht verändert Europa, Reinbek bei Hamburg 2015.

Marian Füssel, Waterloo 1815, München 2015.

Brendan Simms, Der längste Nachmittag. 400 Deutsche, Napoleon und die Entscheidung von Waterloo, München 2014.

Johannes Willms, Waterloo. Napoleons letzte Schlacht, München 2015.

Der 8. Mai ist für alle Deutschen von Bedeutung – 70. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges

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Anlässlich des 70. Jahrestages des Endes des Zweiten Weltkrieges hat der bekannte Historiker Heinrich August Winkler die Rede im Deutschen Bundestag gehalten. Es war eine kluge, historisch fundierte Rede, die den 8. Mai 1945 für uns Deutsche zu Beginn des 21. Jahrhunderts neu einordnet. Zwei Gedanken haben sich mir besonders eingeprägt: Winkler hat erklärt, warum der 8. Mai in der Zukunft für alle Deutschen, egal „ob ihre Vorfahren vor 1945 in Deutschland lebten oder erst später hier eingewandert sind“, von Bedeutung ist. Genauso klar formuliert war seine Lehre aus der Geschichte, warum Deutschland im Konflikt in der Ukraine auf der Seite der Freiheit stehen müsse:

Abgeschlossen ist die deutsche Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit nicht, und sie wird es auch niemals sein. Jede Generation wird ihren eigenen Zugang zum Verständnis einer so widerspruchsvollen Geschichte wie der deutschen suchen. Es gibt vieles Gelungene in dieser Geschichte, nicht zuletzt in der Zeit nach 1945, über das sich die Bürgerinnen und Bürger der Bundesrepublik Deutschland freuen und worauf sie stolz sein können. Aber die Aneignung dieser Geschichte muss auch die Bereitschaft einschließen, sich den dunklen Seiten der Vergangenheit zu stellen. Niemand erwartet von den Nachgeborenen, dass sie sich schuldig fühlen angesichts von Taten, die lange vor ihrer Geburt von Deutschen im Namen Deutschlands begangen wurden. Zur Verantwortung für das eigene Land gehört aber immer auch der Wille, sich der Geschichte dieses Landes im Ganzen bewusst zu werden. Das gilt für alle Deutschen, ob ihre Vorfahren vor 1945 in Deutschland lebten oder erst später hier eingewandert sind. Und es gilt für die, die sich entschlossen haben oder noch entschließen werden, Deutsche zu werden.

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Deutschland hat während des immer noch andauernden Konflikts um die Ukraine alles getan, was in seinen Kräften steht, um den Zusammenhalt der Europäischen Union und des Atlantischen Bündnisses zu sichern. Es hat sich zugleich in enger Abstimmung mit seinen Verbündeten darum bemüht, im Dialog mit Russland so viel wie möglich von jener Politik der konstruktiven Zusammenarbeit zu retten oder wiederherzustellen, auf die sich Ost und West nach dem Ende des Kalten Krieges verständigt hatten. Eines galt und gilt es dabei immer zu beachten, und auch das ist eine Lehre aus der deutschen Geschichte: Nie wieder dürfen unsere ostmitteleuropäischen Nachbarn, die 1939/40 Opfer der deutsch-sowjetischen Doppelaggression im Zuge des Hitler-Stalin-Paktes wurden und die heute unsere Partner in der Europäischen Union im Atlantischen Bündnis sind – nie wieder dürfen Polen und die baltischen Republiken den Eindruck gewinnen, als werde zwischen Berlin und Moskau irgendetwas über ihre Köpfe hinweg und auf ihre Kosten entschieden.

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Die Konsequenz daraus: „Sich dieser Geschichte zu stellen, ist beides: ein europäischer Imperativ und das Gebot eines aufgeklärten Patriotismus. Um es in den Worten des dritten Bundespräsidenten Gustav Heinemann aus seiner Rede zum Amtsantritt am 1. Juli 1969 zu sagen: „Es gibt schwierige Vaterländer. Eines davon ist Deutschland. Aber es ist unser Vaterland.““

Die Rede im Wortlaut:

Karneval ist auch politisch

Am Wochenende sind in ganz Deutschland die Narren los! Karneval soll natürlich vor allem Spaß machen, aber er ist doch auch immer irgendwie politisch. Das ist mir vor knapp drei Wochen wieder mal sehr bewusst geworden, als wir in meiner Heimatstadt Wächtersbach Karneval gefeiert haben. Dabei hatte der Wächtersbacher Carneval-Verein, bei dem ich selber früher immer fleißig in die Bütt gegangen bin, eine Abordnung aus Erfurt zu Gast. Die Narren kamen vom KV FACEDU e.V. – und schon der Name macht den aufmerksamen Leser etwas stutzig. Denn die Buchstaben unserer Partei im Namen springen einem geradezu ins Auge. Ich habe mich dann mal etwas schlau gemacht: Und in der Tat ist der FACEDU in DDR-Zeiten eine Kulturabteilung der Ost-CDU in Erfurt gewesen, um dort Karneval zu feiern. Diesen Weg sind die Erfurter Narren damals gegangen, weil die SED den Karneval in der bis dahin bestehenden traditionellen Form verboten hatte. Auf der Internetseite des Vereins kann man diese spannende Geschichte nachlesen. So konnte der dem Karneval innewohnende Witz, Spott und Humor – bisweilen hart an die Grenze gehend – unter dem „Dach“ der CDU weitergelebt werden.

mbm

Wir haben in den zurückliegenden Monaten – rund um die Wahl des linken Ministerpräsidenten Bodo Ramelow in Erfurt – viel über die Aufarbeitung der DDR-Geschichte geredet und gestritten. Und sehr oft haben sich Vertreter von Linkspartei, SPD und Grünen damit herausgeredet, die CDU in der DDR sei eine Blockpartei gewesen und habe das System mitgetragen. Dabei unterschlagen sie aber, dass viele Christdemokraten in der DDR inhaftiert, manche auch ermordet worden sind – und dass die Mitgliedschaft in den Blockparteien manchmal auch die einzige Chance überhaupt war, sich wenigstens ein bisschen einzusetzen und für seine Werte zu kämpfen. So war die Ost-CDU für manche eben auch ein Rückzugsraum, um sich dem unmittelbaren Zugriff der SED zu entziehen, wie dieses Beispiel zeigt. Unbestritten ist dabei das Dilemma, dass die Mitgliedschaft in einer der Blockparteien eine systemstabilisierende Wirkung haben konnte. Entscheidend ist aber: Im Unterschied zu den SED-Nachfolgern hat die CDU bewusst die Vergangenheit als Blockpartei aufgearbeitet und auf das Vermögen der Ost-CDU verzichtet. Niemand in der CDU heute verharmlost den Unrechtscharakter des DDR-Regimes oder leugnet gar den Schießbefehl an der innerdeutschen Grenze, wie das Vertreter der Linkspartei immer noch tun.

Gerade in diesem Jahr, in dem wir den 70. Geburtstag der CDU feiern, sollten wir noch viel mehr über solche Geschichten wie die des KV FACEDU sprechen – denn sie zeigen, wie stolz wir auf unser Erbe als Christdemokraten sein können und dass wir uns mit unserer eigenen Geschichte aber auch kritisch auseinandersetzen.

1955 – 2014 – 59 Jahre treues Dienen für unser Land.

Es gibt Tage an denen man einfach einmal Danke sagen sollte. Heute ist so ein Tag. Unsere Bundeswehr hat heute ihren 59. Geburtstag. Die ersten 101 Soldaten erhielten ihre Ernennungsurkunden von Bundesverteidigungsminister Theodor Blank am 12. November 1955, dem 200. Geburtstag des preußischen Heeresreformers Scharnhorst, in der Bonner Ermekeilkaserne im Rahmen einer feierlichen Zeremonie. Der Tag gilt seither als „Geburtstag“ der Bundeswehr. 10 Jahre nach Kriegsende und der realen Bedrohung durch die Sowjetunion sah man einer ungewissen Zukunft entgegen. Nicht nur die heftig geführte Wiederbewaffnungsdebatte und die Angst der Menschen vor einer atomaren Auseinandersetzung der beiden Machtblöcke zeigte, dass man von einer gesamtgesellschaftlichen Begeisterung weit entfernt war. Ich will jetzt an dieser Stelle nicht die Geschichte der Bundeswehr Revue passieren lassen (Interessierten empfehlen ich einen Besuch im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden), aber die Geschichte der Bundeswehr ist unter dem Strich eine eindrucksvolle Erfolgsgeschichte.

In Katastrophenfällen ist sie mit ihren Fähigkeiten und ihrer technischen Ausstattung oftmals im Einsatz. National und international ist die Bundeswehr eine schnelle und erfolgreiche Rettungs- und Hilfskraft mit einzigartigen Fähigkeiten. Von ersten internationalen Hilfseinsatz Marokko 1960 und der Elbesturmflut 1962 bis zur Fluthilfen der letzten Jahre und der Ebolahilfe in Westafrika; von der Sicherung des Friedens im Kalten Krieg bis zu den Einsätzen im ehemaligen Jugoslawien und den derzeit laufenden 16 internationalen Einsätzen [Afghanistan (ISAF), Kosovo (KFOR), Horn von Afrika (Atalanta), Küste des Libanon (UNIFIL), Türkei (Active Fence Turkey), Mali (EUTM Mali), Mali (MINUSMA), Zentralafrikanische Republik (EUFOR RCA), Somalia (EUTM SOM), Sudan (UNAMID), Südsudan (UNMISS), DR Kongo (EUSEC RD CONGO), Afghanistan (UNAMA), Westsahara (MINURSO), Horn von Afrika (EUCAP Nestor), Mittelmeer (OAE)] ist die Bundeswehr aktiv für Schutz und Hilfe der Menschen in Deutschland, Europa und in Welt unterwegs.

Hinter der Bundewehr stehen 179.046 aktive Soldaten und Soldatinnen, ca. 90.000 eingeplante Reservisten und ebenfalls 90.000 zivile Fachkräfte in verschiedensten Verwendungen.

Und heute möchte ich den Soldaten und den zivilen Mitarbeitern in der Bundeswehr von Herzen Danke sagen. Soldat sein ist kein “Beruf” wie jeder andere. Soldaten stellen nicht nur einfach ihre Arbeitskraft einem Arbeitgeber zur Verfügung. Soldaten dienen. Soldaten sind bereit für die Sicherheit und Freiheit Deutschlands und seiner Verbündeten im Zweifel ihr Leben zu geben. Tapferkeit, Kameradschaft und treues Dienen sind für Soldaten keine Worthülsen, sondern gelebte Praxis und wesentlicher Bestandteil ihres Selbstverständnisses. Wir schulden Ihnen unseren Dank und unseren Respekt.

Die Frauen und Männer der Bundeswehr sind Töchter und Söhne, Mütter und Väter, Freunde und Nachbarn. Sie sind Teil unserer Gesellschaft. Wir sollten stolz sein auf das, was die Angehörigen unserer Bundeswehr für unser Land und den Frieden in der Welt leisten.

Danke! Ich bin stolz auf meine Bundeswehr.

Lichtgrenze: Ballon 1692

Die Lichtgrenze zog sich 15km durch Berlin entlang des ehemaligen Mauerverlaufs. Mitunter vorbei an noch heute erhaltenen Teilstücken, wie hier in der Niederkirchnerstraße. (Foto: Tobias Koch)

Die Lichtgrenze zog sich 15km durch Berlin entlang des ehemaligen Mauerverlaufs. Mitunter vorbei an noch heute erhaltenen Teilstücken, wie hier in der Niederkirchnerstraße.


Der Fall der Berliner Mauer ist einer der glücklichsten Momente in der Geschichte unseres Volkes. Die Bilder von 1989 – Menschen, die voller Freude über den Sieg der Freiheit zugleich lachen und weinen – machen mir auch heute  noch Gänsehaut.

Am vergangenen Wochenende konnten wir alle in Berlin das Wunder der friedlichen Revolution zum 25. Jubiläum noch einmal nachempfinden: 8.000 weiß leuchtende Ballons bildeten als „Lichtgrenze“ den ehemaligen Mauerverlauf nach, die Kunstinstallation erinnerte so noch einmal an die Teilung Berlins. Die ganze Stadt wandelte von Freitag- bis Sonntagabend an der erleuchteten Grenze entlang, die Fotos von den weißen Ballons auf dünnen schwarzen Stelen gingen um die ganze Welt.

Am Sonntagabend dann, am Jahrestag des Mauerfalls, war es soweit: An jeder Stele stand ein Ballonpate – auch ich war einer davon, mein Ballon hatte die Nummer 1692. Gemeinsam mit Kollegen aus dem Konrad-Adenauer-Haus und vielen tausend anderen Ballonpaten in den roten Anoraks ließ ich meinen Ballon mit Blick auf Spree, Reichstag und Kanzleramt aufsteigen. Hurra, die deutsche Hauptstadt war wieder ungeteilt!

Es war mir eine Ehre, als Ballonpate an dieser beeindruckenden Aktion teilnehmen zu dürfen. (Foto: Tobias Koch)

Es war mir eine Ehre, als Ballonpate an dieser beeindruckenden Aktion teilnehmen zu dürfen. (Foto: Tobias Koch)

Botschafter der Freiheit

Besonders fasziniert hat mich, wie alle miteinander ins Gespräch kamen: Wir standen in unseren roten Jacken bei unseren Ballons, die in unserem Abschnitt in langer Reihe den Spreebogen säumten. Während wir auf den Start warteten, spazierten unzählige Menschen an uns vorbei. Dabei sahen sie uns neugierig an, stellten Fragen und lasen unsere Botschaften, die wir am Ballon befestigt hatten.

Ich habe mich an diesem Abend wie ein Botschafter der Freiheit gefühlt. Die Stimmung entlang der Lichtgrenze war bezaubernd und schön, freudige Aufregung mischte sich darunter – fast ein bisschen wie an Silvester, wenn man auf den Jahreswechsel wartet, und doch ungleich viel ergreifender.

Die vorbeikommenden Menschen waren meist sehr interessiert. Ich habe viele interessante Gespräche führen können. (Foto: Tobias Koch)

Die vorbeikommenden Menschen waren meist sehr interessiert. Ich habe viele interessante Gespräche führen können. (Foto: Tobias Koch)

Hoffnungsfunke

Der Fall der Mauer ist zum Symbol für die Kraft des Freiheitswillens und für das Scheitern eines unmenschlichen Regimes geworden. Gerade mit Blick in die Ukraine, nach Syrien oder in den Irak weiß ich: Frieden und Freiheit sind auch heute nicht selbstverständlich. Ich wünsche mir, dass unsere friedliche Revolution den Menschen in Krisengebieten auf der ganzen Welt Hoffnungsfunke ist und ihnen Mut macht.

Teil dieses wunderbaren Projektes zu sein, macht mich glücklich und froh – erinnert es uns doch an die Opfer an der Mauer, an den Mut der Revolutionäre und an die überwundene Teilung unseres Vaterlandes.

Der Moment kurz vor dem Aufstieg des Ballons: Jeder aufgestiegene Ballon wurde von den Menschen bejubelt. (Foto: Tobias Koch)

Der Moment kurz vor dem Aufstieg des Ballons: Jeder aufgestiegene Ballon wurde von den Menschen bejubelt. (Foto: Tobias Koch)

Was die CDU ausmacht: Unser Rüstzeug für die Zukunft

Der 9. November 1989 war eine Zeitenwende: Wer diesen Tag erlebt hat wusste, dass etwas passierte, von dem er später noch Kindern und Enkeln erzählen würde. Wer erinnert sich nicht mehr daran, was er gemacht hat, als er vom Fall der Mauer erfuhr oder im Fernsehen die ersten Bilder der Menschen gesehen hat, die sich vor Glück und Erstaunen an den Grenzübergängen in den Armen lagen. Es war einer dieser seltenen Tage, an denen jedem sofort klar ist, dass danach nichts mehr so sein wird wie zuvor.

Der 9. November 1989 brachte nicht nur fundamentale politische und gesellschaftliche Veränderungen, sondern für mich ganz persönlich eine Wende meines Lebens. Es war für mich etwas Besonderes zu sehen, wie Menschen zugleich lachten und weinten, ganz einfach weil sie frei waren. Welche Kraft doch die Freiheit ist, wurde mir in diesem November als junger Mensch bewusst. Und es hat mich beeindruckt, mit wie viel Zuversicht die Menschen damals diese fundamentale Veränderung angepackt haben. Das hat bei mir den Wunsch bestärkt, nicht am Rande zu stehen. Ich wollte mitmachen und bin darum in die Junge Union eingetreten.

Menschen gehen mit Zeitenwenden sehr unterschiedlich um. Die einen verzagen, die anderen trauen sich etwas zu und nehmen die Veränderung an. Politik hat den Anspruch, solche Veränderungen nicht nur hinzunehmen, sondern zu gestalten. Politik will Identifikation stiften und Orientierung auf der Grundlage von festen Überzeugungen und von Werten anbieten. Diesen Anspruch hatte die Union als politische Kraft seit ihrer Gründung und aus meiner Sicht sollte sie ihn weiter haben.

Was hat die CDU zu bieten, um eine Zeitenwende wie die von 1989 oder ganz aktuell auch epochale Veränderungen wie die digitale Revolution – die ebenfalls unblutig ist – zu gestalten? Braucht die CDU dafür eine neue Erzählung? Meine feste Überzeugung ist: Nein. Denn die Erzählung der CDU ist so aktuell wie bei ihrer Gründung vor 70 Jahren und entfaltet auch heute noch ihre Kraft.

Die CDU hat drei Grundüberzeugungen, die bleiben und sich ungeachtet aller tagesaktuellen Anpassungen nicht ändern werden.

Eine Wurzel liegt im christlichen Menschenbild und in den christlichen Werten. Das wird für uns auch in Zukunft handlungsleitend sein, und zwar über Konfessionsgrenzen hinweg. Gerade in Zeitenwenden darf unsere wesentlich auf dem C aufbauende Werteorientierung aber nicht ausgrenzen. Alle, die unser Verständnis von Freiheit und Verantwortung teilen, ob Christ oder nicht, sind eingeladen mitzumachen.

Die zweite Grundüberzeugung der CDU ist das klare Ja zur Wirtschaftsordnung der Sozialen Marktwirtschaft, zur Eigenverantwortung und zur Botschaft, dass jeder, der sich anstrengt, es zu etwas bringen kann, aber auch jeder, der hinfällt, auf Solidarität hoffen kann. Die Chancen zu betonen ist wichtig. Soziale Marktwirtschaft bedeutet im Heute, dass erfolgreiche Unternehmer in der digitalen Wirtschaft nach dem Verkauf ihres Unternehmens nicht mit einer Yacht durch die Karibik fahren, sondern ihr Geld in die nächste Idee investieren. Wir wollen eine Gesellschaft, in der sich Menschen etwas trauen und etwas zutrauen. Das schließt aktuell das Werben für einen neuen Gründergeist sowie eine Kultur ein, in der Scheitern „erlaubt“ ist.

Die Liebe zu unserer Heimat und unserem Vaterland ist die dritte Grundüberzeugung, die Menschen seit 70 Jahren in der CDU verbindet. Die Farben schwarz-rot-gold haben für uns eine ganz besondere Bedeutung. Sie sind Verpflichtung und Versprechen zugleich – auf Einigkeit und Recht und Freiheit. In unserer Partei kommen Männer und Frauen zusammen, denen die Zukunft Deutschlands am Herzen liegt und damit die Frage nach unserer Identität und nach dem, was uns in Deutschland verbindet und zusammenhält.

Für uns als Christdemokraten sind diese drei Überzeugungen identitätsstiftend und bieten Orientierung. Auf ihrer Basis neue Antworten auf aktuelle Herausforderungen zu geben, das war und ist die Stärke der CDU. Mag unsere Haltung auch nach fast siebzig Jahren CDU noch die richtige sein, ist es wahrscheinlich, dass die Antworten von 1980 im Jahr 2014 nicht mehr funktionieren. Für die CDU heißt das: Sie muss die Probleme der Menschen in der jeweiligen Zeit lösen, ohne sich selbst dabei zu verlieren. Das haben wir als Union immer wieder geschafft. Daraus erwächst am Ende auch unsere Stärke als Partei. Deshalb kann man als Christdemokrat auch sehr gelassen dem Vorwurf der Beliebigkeit entgegentreten, den manche immer wieder in unsere Richtung formulieren.

Zeitenwenden: Auch der Mauerfall am 9. November 1989 war eine solche. Braucht auch die CDU eine Zeitenwende? (Foto: Tobias Koch)

Zeitenwenden: Auch der Mauerfall am 9. November 1989 war eine solche. Braucht auch die CDU eine Zeitenwende? (Foto: Tobias Koch)

Was tun wir nun angesichts einer Zeitenwende? In einer gemeinsamen Diskussion mit Klaus von Dohnanyi sagte dieser: „Wir dürfen uns nicht vor etwas fürchten, was ohnehin kommt. Wenn wir es doch tun, werden wir die Zukunft verlieren.“ In der Tat. Angst wird überbetont. Wir sollten nicht klagen, sondern Herausforderungen mutig annehmen und kämpfen. Das ist eine im positiven Sinne konservative Haltung. Wer wirklich konservativ ist, der jammert nicht, sondern packt an und bringt sich ein. Dabei vertrauen Konservative auf unveränderbare Werte, aus denen sie jeweils neue Antworten für das Heute und die Menschen im Heute ableiten. Ich fühle mich als Konservativer in diesem Sinne in dieser CDU nach wie vor zuhause.

Wenn also die CDU keine neue Erzählung braucht, wie ist es mit unserem Land? Die frühere Bundesrepublik war geprägt durch das Festhalten am Ziel der Deutschen Einheit und vom Glauben daran, dass die Zukunft unseres Landes im geeinten Europa liegt. Doch was kommt jetzt?

Ich denke, unser Land braucht eine Erzählung, die zum Mitmachen einlädt und nach vorne weist. Nach meinem Eindruck fragen jüngere Menschen weniger danach, was der Staat für sie tut, als vielmehr nach ihrem Platz in unserer Gesellschaft und nach ihren Chancen. Genau diesen Geist brauchen wir. Es geht um die Erzählung eines Landes, das sich seiner Vergangenheit und seiner Geschichte bewusst ist, aber das in die Zukunft schaut und das den Menschen etwas zutraut und ihnen Möglichkeiten bietet. Dafür ist gesellschaftlicher Zusammenhalt die Grundvoraussetzung. Ausgrenzung – sei es wegen einer Veranlagung oder wegen der Herkunft – ist für viele junge Leute tabu. Sie suchen nach einem Wir-Gefühl. Respekt ist ihnen wichtig. Sie wollen Verantwortung übernehmen, aber dafür muss man ihnen auch Verantwortung zutrauen.

Bei der Identifikation mit unserem Land sind die eigene Lebenswelt und die eigene Erfahrung prägend. Diese Erfahrungen verändern sich. Als ich in die Junge Union eingetreten bin, war für mich der Freiheitsgedanke entscheidend. Freiheit und die USA, das war für mich nahezu gleichgesetzt. Die USA in den 80er Jahren waren der Ort der Freiheit. Die junge Generation ist mit einem völlig anderen Amerikabild groß geworden und die Verbindung von Freiheit und USA ist für sie keineswegs mehr selbstverständlich.

Als Historiker halte ich historische Erzählungen für eine identitätsstiftende Kraft. Aber wir müssen feststellen – wie das beschriebene Beispiel zeigt -, dass vor allem Jüngere mit einigen historischen Erzählungen nicht mehr automatisch etwas anfangen können, zumal wenn für sie als Jugendliche mit Zuwanderungshintergrund die deutsche Geschichte nicht unbedingt ein Teil ihrer eigenen Familiengeschichte ist. Deswegen dürfen unsere Erzählungen – auch die von unserem Land – nicht im Gestern verharren. Sie müssen Lust auf Neues machen und offen in die Zukunft schauen.

Als Christdemokraten sehe ich uns hier besonders in der Pflicht, gerade weil wir uns in diesem Punkt offenkundig von den politisch Linken unterscheiden. Die christliche Botschaft weiß um die Schwächen des Menschen und um seine Unvollkommenheit; sie weiß auch, dass der Mensch selbst die Welt nicht retten und zu einem Paradies machen kann. Genau dieses Wissen um die Fehlbarkeit des Menschen bewahrt uns vor Utopien und Ideologien, vor Überheblichkeit, Besserwisserei und Selbstüberschätzung.

Von diesem Geist geprägt können wir als Union zu der neuen Erzählung für unser Land beitragen, und zwar mit unserem festen Wertefundament und unserem offenen Blick für die Zukunft. Was heißt das konkret? Wenn wir als CDU über Bildung reden, dann geht es nicht nur um Qualifizierung und Fachkräftemangel, sondern dann reden wir über Herzensbildung und die Vermittlung von Mut und Zuversicht. Wenn wir über Familie reden, dann sprechen wir nicht nur über Arbeitszeitmodellen und Teilzeitfallen, sondern über die Liebe zwischen Eltern und Kindern, über Verantwortung, die in Familien gelebt wird – übrigens auch von gleichgeschlechtlichen Paaren. Wenn wir über Ehrenamt reden, dann ist das keine Debatte nur über Pauschbeträge für Übungsleiter und Versicherungsschutz, sondern über den Dienst am Gemeinwesen und am Vaterland. Und wenn wir über Religion reden, dann ist das keine Frage von Kreuzen im öffentlichen Raum und Kirchensteuer, sondern dann geht es um die Kraft und Hoffnung, die der Glaube vielen Menschen in diesem Land schenkt.

Wir als Christdemokraten haben große Chancen, aber auch eine große Verpflichtung, die Erzählung dieses Landes künftig mitzuprägen. Dabei stehen wir vor allem vor drei großen Herausforderungen.

Es muss gelingen, nachhaltigen Wohlstand zu ermöglichen und damit dem Streben und Gefühl vieler Menschen zu entsprechen, Verantwortung für die nächste Generation wahrzunehmen.

Es gilt, gesellschaftlichen Zusammenhalt zu erreichen, was eng verknüpft ist mit der Frage nach den Möglichkeiten des Aufstieges. Unser Land gibt Menschen dazu Chancen, unabhängig davon, woher sie kommen und wer ihre Eltern sind. Entscheidend ist, wie sich jemand in diese Gesellschaft einbringt und welchen persönlichen Beitrag er für die Zukunft Deutschlands leistet. Diese Form des Patriotismus ist ein Versprechen auf mehr Teilhabe und mehr Zusammenhalt.

Und es wird für die Erzählung unseres Landes in Zukunft wichtig sein, wie wir unserer größer gewordenen Verantwortung für die Welt gerecht werden. Es geht um ein starkes und durchaus stolzes Deutschland, das sich selbst aber nicht genug ist, sondern der Welt dient.

Als Christdemokraten haben wir den Anspruch, uns in diese Erzählung einzubringen und wir haben gute Voraussetzungen dafür: das christliche Menschenbild, die Soziale Marktwirtschaft und die Liebe zu unserem Vaterland.

 

Europa – vom blutigen Schlachtfeld zu einer Friedensgemeinschaft

Europa – vom blutigen Schlachtfeld zur Friedensgemeinschaft

Heute vor 100 Jahren erteilte Kaiser Wilhelm II. den Mobilmachungsbefehl – der Beginn des Ersten Weltkriegs! Und Ende August 1914 schrieb Ludwig Frank in Anlehnung an ein Soldatenlied in einem Brief: „Siegreich wollen wir Frankreich schlagen, sterben wie ein tapfrer Held. – Ich freue mich auf den Krieg und auf ein frohes Wiedersehen.“ Diese begeisterten Sätze haben mich tief bewegt. Denn Ludwig Frank war Reichstagsabgeordneter der SPD und 40 Jahre alt. Vier Tage, nachdem er diese Zeilen verfasste, starb Ludwig Frank bei einem Gefecht in Lothringen. Auch ich bin fast 40 Jahre alt, auch ich bin Parlamentsabgeordneter. Wie wäre es wohl mir vor einhundert Jahren ergangen?

Damals zogen Männer vieler europäischer Nationen voller Zuversicht in einen furchtbaren Krieg. Besonders junge Menschen ließen sich von der Kriegsbegeisterung anstecken. Sie wurden schnell mit einem furchtbaren Stellungskrieg konfrontiert. Viele Soldaten gaben ihr Leben für eine Handbreit Land, es ging nur noch ums nackte Überleben. Ab 1915 wurde Giftgas eingesetzt, der Krieg wurde zu einer Materialschlacht. Der einzelne Soldat war nur noch ein Strich in der Statistikliste. Dieser furchtbare Krieg hat unzählige Opfer gefordert: Millionen Tote, noch mehr Verwundete und fürs Leben Gezeichnete, traumatische Erfahrungen bei Soldaten und Bevölkerung, Europa zerrissen und in Trümmern, Deutschland über Jahre in bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Und nur 25 Jahre später wurde Europa schon wieder zu einem blutigen Schlachtfeld. Als ob die Menschheit nichts gelernt hätte!

Volkstrauertag 04

Zu unserem Glück vereint

Kaum jemand hätte wohl jemals geglaubt, dass Europa so eine beeindruckende Wendung nehmen könnte. Dennoch griffen nach dem zweiten Weltkrieg mutige Frauen und Männer die Idee eines geeinten Europas wieder auf. Es entstand ein Europa des Friedens, der Freiheit und der Gemeinsamkeit. Was mit den Römischen Verträgen 1957 begann, wurde zu einem beispiellosen Erfolgsmodell: Heute bilden über 500 Millionen Menschen aus 28 Staaten eine Europäische Union.

Wenn sich ein junger Mann 1914 von seinen Eltern mit den Worten verabschiedete, er ziehe nach Frankreich, bedeutete dies, er musste in den Krieg. Heute, er tritt einen Arbeitsplatz oder einen Studienplatz an. Diese Entwicklung ist eines der größten Wunder des 20. Jahrhunderts und dafür dürfen wir dankbar sein.

„Siegreich wollen wir Frankreich schlagen, sterben wie ein tapfrer Held.“ Wer heute diese Zeilen liest, versteht sie kaum. In den 20er und 30er Jahren kannte sie jedes Kind. Auf einer Veranstaltung in Magdeburg zitierte ein alter Mann diese Zielen und sprach nur eine Bitte aus: „Sorgen Sie dafür, dass Kinder nie wieder solche Lieder lernen müssen.“ Genau das ist einer meiner Beweggründe, warum ich in der CDU Mitglied bin. Weshalb ich für den Deutschen Bundestag kandidiert habe. Ich will, dass wir die Probleme in Europa friedlich lösen. Ich will, dass wir im Konsens zu einem Ergebnis kommen und nicht mit Konfrontation. Das mag manchmal langwierig sein, aber immer noch besser, als einen Krieg zu führen. Niemand muss mehr in Europa sein Leben im Krieg geben. Wir leben in einer friedlichen Zeit – dafür sollten wir dankbar sein. Ich bin froh, dass ich in diesem Jahrhundert lebe und nicht in den Kampf ziehen muss wie einst Ludwig Frank.

Der Blick über den Tellerrand zeigt: Auch heute haben es nicht alle so gut wie wir, in der Ukraine herrscht Bürgerkrieg, im Nahen Osten stehen sich Israelis und Palästinenser verfeindet gegenüber. Wir in Europa sind zu unserem Glück vereint – helfen wir, die Welt menschlicher zu gestalten!

Volkstrauertag 03