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Wenn man anfangen will zu laufen #laufpeter

Wenn man anfangen will zu laufen. Ein paar einfache Regeln für alle, die loslaufen wollen.

Ich laufe gerne. Manche sagen, ich laufe viel. Das liegt im Auge des Betrachters. Aber in der Tat ist Laufen ein Thema. Ich werde oft darauf angesprochen und zwar nicht nur von Menschen, die auch laufen, sondern oft von denen, die gerne laufen würden. Die meist gestellte Frage ist die nach dem „richtigen“ Laufen. Offensichtlich gibt es eine große Unsicherheit und die Sorge, etwas falsch zu machen, wenn man sich entscheidet, den eigenen Astralkörper vom Sofa hochzuwuchten und in Bewegung zu versetzen. Daher ein paar Tipps von mir, die zwar lediglich auf subjektiver Erfahrung beruhen, aber mich seit Jahren beim Laufen begleiten:

Wichtig: Zu Beginn nicht völlig verausgaben. Wer am Limit läuft, der wird das in den Tagen danach spüren – also die Schuhe dann nicht so schnell wieder anziehen. Lieber kleine Einheiten und dann aber bitte regelmäßig. Zwanzig Minuten und das jeden zweiten Tag. Klingt viel, aber das schaffst Du. Und nach und nach kann man Dauer und Distanz ja steigern.

Hilfreich: Jemanden suchen, der mitläuft und dabei bitte keine falsche Bescheidenheit. Warum soll nicht ein erfahrener Marathonläufer mit Dir um die Häuser ziehen? Er kann ja nach den ersten zwanzig Minuten mit Dir weiter seine Runden drehen. Auf jeden Fall hilft eine Laufverabredung. Mir zumindest. Denn der innere Schweinehund, der lauert an vielen verschiedenen Ecken.

Dran denken: Aufs Tempo achten. In den zwanzig Minuten musst Du keine fünf Kilometer abreißen. Die richtige Geschwindigkeit erkennst Du daran, dass man sich dabei gut unterhalten kann. Ganz entspannt. Und stumm nebeneinander her hecheln, dass kann es ja auch nicht sein. Ich freue mich ja auf meine Laufverabredung. Also Tempo raus und mal hören, was es Neues gibt.

Auftanken: Wer nach dem Laufen so fertig ist, dass er zu nichts mehr zu gebrauchen ist, der macht was falsch. Das Gegenteil sollte der Fall sein. Wer nach dem Duschen aufgeräumt, gut gelaunt und voller Tatendrang ist, der hat beim Laufen alles richtig gemacht. Das hat was mit Geschwindigkeit, Dauer und Distanz zu tun. Also sich selbst prüfen!

Dem Glücklichen schlägt keine Stunde: Wann ist die richtige Zeit zum Laufen? Das musst Du selbst rausfinden. Manche laufen gerne morgens, andere lieber am Abend. Für viele spielt das keine Rolle. Probier aus, was Dir liegt. Und noch etwas: Das Wetter (egal welches) ist übrigens keine Ausrede, zuhause zu bleiben.

Laufen ist ein Gewinn: Laufen kann ein sehr teures Hobby sein, aber für den Einstieg ist es „günstig“. Trotzdem sollte man sich gut überlegen, welche Schuhe mal wählt und ob eine gute Jacke für die kalte Jahreszeit nicht auch etwas kosten darf. Aber auch die teuersten Schuhe dürfen nicht darüber hinwegtäuschen: Laufen muss man selbst!

 

Foto: Tobias Koch (www.tobiaskoch.net)

 

 

 

Eindrücke aus zwei Tagen in einer Flüchtlingseinrichtung in Offenbach II

Ich war zwei Tage freiwillig als Helfer für Flüchtlinge im Einsatz. Meine Eindrücke sind Momentaufnahmen und subjektiv. Ich erhebe nicht den Anspruch, einer allgemein gültigen und detaillierten Darstellung. Auf meinem Blog veröffentliche ich meine Erfahrungen.

Was sind die zehn wichtigsten deutschen Sätze?

Die Getränkeausgabestelle ist ein Ort, um ins Gespräch zu kommen. Wenn man durch die Halle geht, dann wird man nur angesprochen, wenn die Flüchtlinge ein konkretes Anliegen haben. Gut 120 sind übrigens in der kleinen Turnhalle untergebracht, doch noch einmal gut 30 sollen zusätzlich aufgenommen werden. Wenn sie vorne bei uns stehen, um sich einen Tee zu holen, dann versuchen manche so etwas wie eine Unterhaltung, in der Regel auf Englisch. Ein paar können bereits auf Deutsch zählen und beginnen vor unseren Augen die Bananen zu zählen. Als einer die Brötchen zählt und diese dabei in die Hand nimmt, müssen wir ihm erklären, dass das nicht geht. Ich bin nicht ganz sicher, ob er das mit der Hygienevorschrift verstanden hat. Schließlich steht ein junger Mann mit einem weißen Zettel vor uns. Er fragt uns, ob wir ihm die zehn wichtigsten deutschen Sätze beibringen können. Da müssen wir selbst überlegen. „Bitte ein Bier!“ ist wichtig, aber ob er davon jemals Gebrauch machen wird, wissen wir nicht. Wir schreiben ihm dann noch die Wochentage und die Monate auf. Zählen kann er ja bereits. Das hat er uns demonstriert. Er freut sich und strahlt übers ganze Gesicht.

Am Abend verteile ich in Kaiserlei wieder „Erstausstattungen“ und lege sie den Flüchtlingen auf die Feldbetten. Als ich einer jungen Afghanin mit vielen Narben im Gesicht den Plastiksack hinlege sagt sie zu mir: „Danke. Das habe ich schon.“ Gedankenverloren antworte ich: „Ah. Okay. Dann nehme ich es mit.“ Erst zwei Feldbetten weiter macht es bei mir klick. Ich gehe zurück und frage sie: „Sie können deutsch?“ Und in der Tat, sie spricht nicht nur passabel, sondern recht gut deutsch, wenngleich ich ihre leise Stimme nur schwer verstehe. Sie habe schon in Afghanistan deutsch gelernt, sagt sie. Und sie wolle jetzt weiterlernen. Sie strahlt mich an. Von Deutschland hat sie wahrscheinlich noch nicht viel gesehen und kennt es nur aus dem Sprachkurs und vielleicht aus Büchern oder dem Internet. Ich frage sie noch, ob Deutschland so ist, wie sie es sich vorgestellt hat. Sie nickt heftig. „Ja“, antwortet sie. Es sei so gut hier. Ich schaue mich um. Gut? Naja. Aber ihr Lächeln will ich erwidern. Da ist so viel Hoffnung in den Augen. Ein „Na, dann herzlich willkommen!“ fällt mir noch ein. Mehr leider nicht. Später ärgere ich mich, dass ich keine Zeit hatte, länger mit ihr zu sprechen.

Wichtig sind die Sprachmittler, die überall mit Hilfe des Roten Kreuzes im Einsatz sind. Fast alle sind Deutsche mit Einwanderungsgeschichte. Manche sind selbst als Flüchtlinge erst vor wenigen Jahren nach Deutschland gekommen. Ich treffe in der Edith-Stein-Schule einen jungen Palästinenser aus Syrien und eine junge Deutsche mit türkischen Wurzeln. Er ist seit zwei Jahren in Deutschland und spricht aber perfekt deutsch. Seine Geschwister würden inzwischen zu Hause nur deutsch reden, was seine Mutter ärgere, erzählt er mir. Vor allem die deutschen Schimpfwörter, die seine Mutter nicht versteht, hätten es seinen kleinen Geschwistern angetan. Auch eine Form der Integration, erst mal die Schimpfwörter zu lernen, denke ich mir. Aber wenn sie alle so gut deutsch sprechen wie er: Respekt. Die junge Frau arbeitet bei einer Bank in Frankfurt und hat vier Wochen Urlaub. Die verbringt sie jetzt komplett in der Edith-Stein-Schule.

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In Kaiserlei treffe ich ebenfalls eine Deutsche mit türkischen Wurzeln. Sie schlichtet gerade einen Streit mit einer syrischen Familie und regt sich auf. Wir stehen dabei und verstehen naturgemäß kein Wort. „Alte syrische Frauen sind die schlimmsten“, zetert sie. „Die wollen alle wie die Königinnen behandelt werden.“ Offensichtlich will die Familie nur ungern neue Feldbetten in ihren „Bereich“ gestellt bekommen. Von Privatsphäre kann man hier sowieso nicht sprechen, aber wenigstens die Absperrgitter signalisieren eine Art Grenze. In einem anderen Bereich hatte sich eine Gruppe junger Männer eingerichtet. Wir müssen, um die notwendigen Kapazitäten zu schaffen und die Rettungswege freizuhalten, die Betten teilweise verstellen. Um keinen Streit zu provozieren soll erst eine Sprachmittlerin kommen, die den jungen Männern die Situation erklärt.

Doch diesmal warten wir vergebens. Entweder hat sie keiner geholt, oder sie hat keine Zeit. Irgendwann schieben wir bestimmt, aber freundlich die Betten an den richtigen Platz. Meist sind die „Inhaber“ gerade nicht da. Die anderen schauen zu. Sie beobachten uns neugierig. Streit oder Widerstand gibt es keinen. Die Verständigung scheint auch ohne Sprache zu funktionieren. Und nicht nur da. Ab und an hat man eine Minute um sich die Menschen anzuschauen. Wenige Alte, viele junge Männer, so wie man es aus dem Fernsehen kennt, aber auch unheimlich viele Familien und immer wieder Kinder. Das ist auch nicht verwunderlich. Ist uns bewusst, dass diese Länder eben auch eine andere Bevölkerungspyramide haben als wir und es deutlich mehr junge Menschen als alte gibt.

Zum Personal gehören auch Sicherheitskräfte. Fast keiner von ihnen ist ein gebürtiger Deutscher. Es sind Menschen aus aller Herren Länder, sie sprechen nicht alle gut deutsch. Mag sein, dass für sie der Dienst dort lediglich ein weiterer Job ist und sie sich für die Flüchtlinge nicht interessieren, aber natürlich senden sie ein Signal aus: Wenn Du fleißig bist und arbeiten willst, dann kannst du das in Deutschland schaffen. Auch das ist eine Botschaft an die Flüchtlinge, die nonverbal funktioniert. Einer von den Einsatzkräften hat mich darauf aufmerksam gemacht; die Flüchtlinge alles um sich herum ganz ge-nau und kommen auch mit den Sicherheitskräften ins Gespräch. Sie merken, dass diese keine gebürtigen Deutschen sind.

Wenn sich die Blicke treffen, dann wird auch ein Lächeln verstanden. Es wurde mir gegenüber immer erwidert. Einmal stand ich an einem Absperrgitter. Mein Blick fiel auf einen Mann. Er stand dort einfach nur. Als er meinen Blick bemerkte, schaute er mich an. Ich lächelte ihm zu. Er legte die Hand aufs Herz, nickte mit dem Kopf und schenkte mir ein scheues Lächeln, während seine Augen voller Dankbarkeit waren. Allein für diese Geste hat sich der Einsatz die zwei Tage gelohnt.

Kaiserlei: schlimme Erwartungen, viele Erfahrungen.

Bevor wir nach Kaiserlei verlegen, bin ich „vorgewarnt“. Ein Feuerwehrmann hat zu mir mit Blick auf die Edith-Stein-Schule gesagt: „Hier ist das ja noch halbwegs in Ordnung. Aber da unten wirst du das Böse sehen, die hinterhältigen Blicke, eine feindliche Stimmung.“ Kameraden hatten berichtet, dass die Luft im Gebäude und der Gestank – freundlich formuliert – unangenehm seien. In der Tat: Als ich am zweiten Tag morgens durch die Hallen gehe, ist die Luft zum Schneiden. Es riecht nach Schweiß und Körperausdünstungen. Es sind mitten in der Nacht über 350 Flüchtlinge angekommen, davon überproportional viele Frauen und Kinder. Sie schlafen teilweise noch. Duschen oder sich waschen konnten auch nur die wenigsten. Angesichts der Tatsache, dass mehrere hundert Menschen hier schlafen, hatte ich mir das aber noch schlimmer vorgestellt.

Eine Eskalation, Streitereien oder gar Gewalt habe ich an den zwei Tagen nicht beobachten. Dies lag sicher auch daran, dass die Einsatzkräfte und auch das Sicherheitspersonal in hohem Maße engagiert waren, um mögliche Konfliktsituation zu entschärfen. „Gib den Flüchtlingen was sie brauchen, dann hast Du Ruhe“, hat ein Mitarbeiter vom Roten Kreuz zu mir gesagt. Am meisten geärgert hat uns wohl, dass die mühsam nach deutscher Norm und im Abstand von 30 Zentimetern aufgestellten Feldbetten und Liegen nach kurzer Zeit nicht mehr so akkurat standen, wie von uns ausgerichtet.

Bereits am Nachmittag des ersten Tages waren Kameraden und ich zur Unterstützung des Aufbaus nach Kaiserlei verlegt worden. Ziel war es, bis zum Ende der Tagschicht zusätzliche Aufnahmekapazitäten zu schaffen, denn für den Abend bzw. die Nacht war die Ankunft von circa 400 Flüchtlingen angekündigt.

In einem ersten Schritt musste dazu eine Gruppe aus der großen Halle in den ersten Stock verlegt werden. Die Flüchtlinge dürfen ihre Betten nicht selbst tragen – und ihre Habe eigentlich auch nicht. Um die Betten nicht nochmals reinigen zu müssen, sollte eigentlich immer ein Soldat und ein Sprachmittler mit dem „Besitzer“ des Bettes und dem Bett nach oben gehen. Zwar war die Sprachmittlerin da, aber das Vorhaben scheiterte. Zu viel deutsche Gründlichkeit. Wir haben dann die Betten einfach nach oben getragen und die Mitglieder der Gruppe, offensichtlich eine oder mehrere Familien, haben die Betten untereinander verteilt. Danach waren noch einige Habseligkeiten unten. Diese Menschen haben nichts, verständlich, dass sie ihre wenigen Besitztümer horten. In Pappkartons oder Umzugskisten liegen dann angebrochene Nahrungsmittel neben schmutziger Wäsche und gebrauchten Taschentüchern. Wir würden eine solche Kiste komplett in den Müll werfen. Ich habe zwei Kisten einer alten Frau nach oben getragen. Mein Einwand, diese müssten sortiert und der Inhalt teilweise weggeschmissen werden, wurde zurückgewiesen. Die Frau wollte ihre Kisten, und mir half schließlich ein Mann aus der Gruppe beim Tragen. Bei der Arbeit haben wir alle Mundschutz getragen, und direkt danach habe ich mir die Hände und die Handschuhe desinfiziert. Das Desinfektionsmittel haben wir alle ständig benutzt – im Prinzip nach jedem Arbeitsvorgang be-nutzt.

Wie ist die Unterbringung organisiert? Kaiserlei ist eine große Gewerbeimmobilie mit weiten Hallen im Erdgeschoss. Rettungswege und Gänge bleiben frei. Ansonsten hat man die verschiedenen großen Räume behelfsmäßig mit Absperrgittern in Quadrate oder Rechtecke eingeteilt. An einigen Stellen stehen statt der hüfthohen Absperrgitter auch Bauzaunelemente, die mit einer schwarzen Plane als Sichtschutz bespannt sind. Die gibt es aber nicht überall. In den einzelnen Planquadraten stehen zwischen 30 und 60 Feld-betten oder Liegen. Privatsphäre gibt es nicht.

Als wir die neuen Bettenkapazitäten aufbauen sollen, stellen wir fest: Es gibt auch keine Feldbetten mehr. Wer die Feldbetten der Bundeswehr kennt, der weiß, dass sie schlicht und einfach sind, man aber durchaus gut darauf schlafen kann. Nun haben wir Liegestühle geliefert bekommen, die zwar ein höhenverstellbares Kopf- und Fußteil haben, aber so instabil sind, dass wir schon beim Aufbauen fluchen. Wie soll ein Mensch darauf schlafen? In der Tat werden wir nach der ersten Nacht gleich eine große Zahl wieder aussortieren, weil sie defekt sind. Es hilft aber nichts. Wir bauen also die hellblauen Liegestühle auf und rücken die Absperrgitter zurecht. Wir kommen gut voran. Bis zum Abend werden die gut 400 Liegestühle aufgebaut sein.

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Ab und an ist unter den hellblauen Liegestühlen auch welche in gelber oder in roter Farbe. Ich habe in meiner Kiste gerade wieder so einen „Glücksgriff“ und ziehe eine rote Liege aus dem Karton. Ich versuche gerade verzweifelt sie aufzubauen, als ein kleines braunhaariges Mädchen mir an der Uniformhose zieht. Sie schaut mich aus großen Augen an, zeigt auf die rote Liege und dann auf den nächstgelegenen Bereich, in dem sie mit ihrer Familie wohl untergebracht ist. Ganz offensichtlich möchte sie gerne eine solche rote Liege haben. Ich bin hin- und hergerissen. Es hieß ganz klar: Keine Extrawünsche erfüllen, gleiche Regeln für alle. Wenn wir mehr Material ausgeben als nötig, dann kommen alle und wollen mehr oder haben ebenfalls Wünsche, die sie vorbringen. Ich schüttele also den Kopf und erkläre ihr auf Deutsch, dass sie die Liege nicht haben kann. Dabei komme ich mir blöd vor, weil ich mich vor dem Kind rechtfertige. Aber wahrscheinlich habe ich einfach das Gefühl, dass an dieser Stelle die Regel albern ist. Soll sie doch eine rote Liege bekommen. Am Ende bin ich dann wahrscheinlich aber doch zu deutsch und zu sehr Soldat: Die rote Liege bleibt an ihrem Platz. Wenig später, als wir den Bereich, in dem das Mädchen „wohnt“, mit zusätzlichen Liegen auffüllen, kommt das Kind zu seinem Recht. Ich ziehe wieder eine rote Liege aus dem Karton. Diese ist genauso instabil und untauglich wie die anderen, aber sie strahlt übers ganze Gesicht, als ich sie ihr hinstelle.

Nachdem wir fertig sind, beschaue ich mir die Kleiderkammer in Kaiserlei, in der auch Kameraden aus unserer Kompanie Dienst tun. Dort treffe ich einen Mann vom DRK aus Offenbach. Er war schon in Frankfurt im Einsatz und erzählt uns von seinen Erfahrungen der letzten Wochen. Man merkt, dass er seine Aufgabe mit unheimlich viel Leidenschaft ausübt. Ich kann gar nicht alles wiedergeben, was er berichtet. Eine Geschichte folgt auf die nächste. So erzählt er von dem Streit mit dem Caterer. Vier Tage in Folge hätte es Käsenudeln gegeben. Angeblich wäre die Küche nicht in der Lage gewesen, für eine so große Zahl an Menschen verschiedene Speisefolgen bereitzustellen, so die Ausrede. Wahrscheinlich hat der Caterer mit den Käsenudeln aber nicht nur am wenigsten Arbeit, sondern auch noch am meisten verdient. Entsprechend war die Stimmung in der Einrichtung unter den Flüchtlingen am vierten Tag. Er habe sich, so der Mann vom Roten Kreuz, so deutlich beschwert, dass am Ende das Rathaus in Offenbach bei ihm angerufen habe. Es läge eine Beschwerde über ihn vor. Nach Schilderung des Sachverhalts hätte es dann besseres und vor allem abwechslungsreiches Essen gegeben.

Mich hatten bereits bei meinem ersten Rundgang durch Kaiserlei die vielen, von Kindern gemalten Bilder beeindruckt. Der DRK-Mann erzählt uns, dass sie eigentlich vorhatten, das Jugendrotkreuz mit den Kindern in den Einrichtungen malen zu lassen. Sie haben dann davon Abstand genommen, nachdem anhand der Bilder deutlich geworden ist, wie schwer traumatisiert offenbar viele Kinder sind. Waffen, untergehende Schiffe, abgetrennte Körperteile sind auf vielen Bildern zu sehen – und eben nicht nur fröhlich flatternde Deutschlandfahnen. Man bekomme eine Ahnung davon, so meinte er, was diese Kinder erlebt haben. Dies sei wiederum auch für die deutschen Kinder nicht ohne Risiko, und darum müsse man dringend überlegen, wie man den Flüchtlingskindern helfen könne.

Wie alle anderen auch ist er mit seiner Mannschaft bis zur Belastungsgrenze beansprucht. Wie jeder, der regelmäßig hilft, erzählt er Geschichten von 36-Stunden-Schichten und komplett verschlafenen freien Tagen. Trotzdem strahlt er einen Willen und eine Klarheit aus, so dass ich ihm noch lange hätte zuhören können. Dann kommen aber die nächsten Flüchtlinge in die Kleiderkammer.

Eindrücke aus zwei Tagen in einer Flüchtlingseinrichtung in Offenbach III

Ich war zwei Tage freiwillig als Helfer für Flüchtlinge im Einsatz. Meine Eindrücke sind Momentaufnahmen und subjektiv. Ich erhebe nicht den Anspruch, einer allgemein gültigen und detaillierten Darstellung. Auf meinem Blog veröffentliche ich meine Erfahrungen.

So viel Hilfsbereitschaft.

Besonders beeindruckt hat mich nicht nur die Professionalität, die Improvisationsfähigkeit und die Einsatzbereitschaft, sondern auch die Hilfsbereitschaft, die man überall erleben konnte.

Die Spendenbereitschaft der Bevölkerung in Offenbach ist so groß, dass die Hilfsorganisationen die Spenden nicht mehr annehmen können, weil keine Lagermöglichkeiten vorhanden sind. Die Stadt Offenbach, die für diesen Zweck eine Kraft abgestellt hat, registriert daher die Spender namentlich inklusive der bereitgestellten Spenden und telefoniert dann im Bedarfsfall. Als ich vor der Turnhalle der Edith-Stein-Schule warte, kommt ein Ehepaar und will mehrere Kisten Kleidung abgeben. Ich verweise sie auf den angeschlagenen Aushang der Stadt Offenbach. Sie wollen sich an die Stadt wenden. Kein böses Wort, keine Enttäuschung. Und die getroffene Regelung macht Sinn. Sicherlich waren in den Säcken auch Dinge, die für die Flüchtlinge in der Edith-Stein-Schule gut geeignet gewesen wären, aber angesichts des großen Bedarfs müssen alle Ressourcen sinnvoll eingesetzt.

Am zweiten Tag reduziert sich die Kleiderauswahl in der Kleiderkammer in Kaiserlei. Die neu angekommenen Flüchtlinge brauchen Schuhe und hier und da auch Handtücher oder einen Pullover. Wir holen in Dietzenbach und in Offenbach im Kleiderladen des DRK bereitgestellte Kleidung ab. In Dietzenbach schließt uns eine ältere Frau den Laden auf, in Offenbach steht ein Paar, beide schwerstens tätowiert, im Laden und erwartet uns. Sonst haben sie wahrscheinlich mit der Bundeswehr nicht viel am Hut. Aber wir verstehen uns ohne Probleme. Alles geht reibungslos vonstatten, und wir sind nach zwei Stunden zurück in Kaiserlei.

Ein echtes Problem scheint mir die Gesundheitskontrolle. Am zweiten Tag nehmen wir noch einmal über 20 Flüchtlinge, die mit dem Bus gebracht werden in der Turnhalle der Edith-Stein-Schule auf. Es stellt sich schnell heraus, dass einige krank sind. Es ist nicht möglich, zu klären, was genau sie haben. Aufgrund dessen müsste eigentlich der ganze Bus in Quarantäne. Ich kann nicht verfolgen, was mit ihnen geschieht, denn ich muss zurück nach Kaiserlei. Dort deponieren wir die geholte Kleidung im Zentrallager.

Zwischendurch gehe ich vor die Tür. Frische Luft schnappen. Direkt vor der Tür stehen auch die Raucher. Neben dem Aschenbecher liegen die weggeschmissenen Armbänder, mit deren Hilfe die Flüchtlinge gezählt werden. Registrierung kann man das – wie gesagt – nicht nennen. Die Flüchtlinge schmeißen sie weg, wenn sie weiterziehen. Ich denke an die Sprachmittlerin, die mir erklärt hat, dass viele Flüchtlinge fragen, wo sie registriert werden würden. Andere wollen aber weiter – nach Nordeuropa oder in andere Einrichtungen, vielleicht auch zu Familienmitgliedern. Unterbringung, Versorgung und Registrierung miteinander zu koppeln, scheint mir die Hauptaufgabe zu sein.

Wir schaffen das.

Ich habe Helferinnen und Helfer, Einsatzkräfte an ihrer Belastungsgrenze erlebt. Und natürlich hat auch mal einer gemeckert. Aber am Ende haben alle mehr als ihre Pflicht getan. Alle wissen, dass das eine außergewöhnliche Herausforderung ist. Und manch einer will auch dabei sein, wenn etwas wirklich Historisches passiert, so mein Eindruck, und seinen Teil zum Gelingen beitragen. Viele wachsen über sich hinaus. Viele fragen, wie lange das noch gut geht. Ich hatte aber auch den Eindruck, dass trotz des Drucks und der Belastung manche diese Situation fast als befreiend empfunden haben. Ein Soldat sagte zu mir: „In einer Bundeswehr, die so überreguliert ist, dass schon das bloße Dasit-zen ein Dienstvergehen darstellen kann, habe ich endlich einmal wieder das Gefühl, et-was Sinnvolles zu tun. Das hatte ich lange nicht mehr.“

Gelobt wird allgemein der neue Ansatz, die Koordinierung der Flüchtlingspolitik aus dem Kanzleramt sicherzustellen. Parallel wird eine entsprechende fehlende Struktur auf Länderebene bemängelt. Dort würden zu oft Institutionen nur in eigenen Aufgabenbereichen denken. In den Flüchtlingsunterkünften habe ich das so nicht erlebt, aber es ist sicher demotivierend, wenn man auf der nächsthöheren Ebene solche Erfahrungen macht. „Wir spielen Normalität, obwohl es nicht die Normalität gibt“, sagt einer. Offen-sichtlich funktioniert auch der Austausch über die Landesgrenzen hinweg auf der Arbeitsebene. Man kennt sich in den Hilfsorganisationen und in der Bundeswehr und tauscht sich privat untereinander aus. In Hessen funktioniere es noch verhältnismäßig gut, obwohl auch hier ein entsprechender zentraler Lenkungsstab dringend geboten wäre, so sagen manche. „Wir brauchen auch in Hessen einen Altmaier“, heißt es. Mit Blick auf die Länder sprechen manche von „systemischem Versagen“. Die Bundeswehr übernehme teilweise Aufgaben, für die das Land zuständig sei, weil die Innenminister überfordert sind. Die Truppe zählt und meldet die Zahl der Flüchtlinge an die Behörden. Ich kann nicht beurteilen, ob das stimmt, aber so wird gesprochen.

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Angeregt wird auch eine strukturierte Befragung in den Einrichtungen, um eine Lagebild zur Stimmung und Motivation unter den Flüchtlingen zu gewinnen. Die Instrumente dafür seien vorhanden – durch Sprachmittler, ehrenamtliche Helfer und Soldaten mit einer Einwanderungsgeschichte. Das Beispiel des Stabsunteroffiziers Abudi Akil ging durch die Presse. Der Einsatz solcher Kräfte ist nicht nur vor Ort sinnvoll. Bislang allerdings werden die dadurch gewonnenen Informationen in keiner Weise genutzt, um sie zusammenzubinden und damit zu arbeiten.

In den Pausen sitzen wir beisammen und reden. Auch mit den Kräften des Arbeiter-Samariter-Bundes, die ebenfalls in Kaiserlei eingesetzt sind. Einer sagt irgendwann, dass man hier doch merke, wie degeneriert und selbstbezogen unser Land sei. Das ist zumindest mit Blick auf die Einsatzkräfte vor Ort ein ungerechtes Urteil. Denn die helfen ja und packen mit an. Aber ich verstehe, was er meint. Was wir gerade erleben ist nicht nur eine Herausforderung für unser Land von außen. Es ist auch eine Herausforderung an uns selbst. Sind wir bereit, die Veränderungen in der Welt anzunehmen? Schaffen wir es, Probleme anzugehen und nicht nur zu beschreiben? Entwickeln wir den notwendigen Gemeinsinn und sind bereit zurückzustehen für andere und für unser Land? Nur wenn wir diese Fragen mit „Ja“ beantworten, dann ist der Satz von Angela Merkel richtig: „Wir schaffen das.“ Genügend Ressourcen haben wir. Die Frage ist, ob wir wollen.

Ein anderer seufzt: „Wann verstehen wir endlich, dass wir die Probleme der Welt nicht mit der hessischen Gemeindeordnung lösen können.“

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Eindrücke aus zwei Tagen in einer Flüchtlingseinrichtung in Offenbach I

Ich war zwei Tage freiwillig als Helfer für Flüchtlinge im Einsatz. Meine Eindrücke sind Momentaufnahmen und subjektiv. Ich erhebe nicht den Anspruch, einer allgemein gültigen und detaillierten Darstellung. Auf meinem Blog veröffentliche ich meine Erfahrungen.

Einschleusung und Dienstbeginn.

Ich schlage am Freitag früh beim Gefechtsstand der RSU-Kompanie Südhessen auf, der in der Wache der Freiwilligen Feuerwehr Rumpenheim untergebracht ist. Die über 40 Kameraden sind bereits im Einsatz. Die Kompanie stellt zwei Züge und wechselt sich in zwei Schichten mit der „Nord“ ab, wie wir die RSU-Kompanie Nordhessen kurz nennen. Derzeit sind in zwei Schulturnhallen und in einer großen Gewerbeimmobilie Flüchtlinge untergebracht. Der Auftrag für den Tag lautet: Räumung der Schulturnhalle der Anne-Frank-Schule, die ab Montag wieder dem Schulbetrieb zur Verfügung stehen soll, Verlegung der Flüchtlinge nach Kaiserlei und dort Aufbau weiterer Kapazitäten.

Die Kameraden berichten, in der Schulturnhalle sei „ein ganzes afghanisches Dorf“ mit 80 Personen untergebracht. Diese sollten zusammen bleiben. Es seien Familien und viele Kinder. Die Männer, die in der Nacht bereits Dienst getan haben, bekommen zwei Stunden Ruhe, um dann um 12.30 Uhr in die Schule aufzubrechen, um die Räumung durchzuführen. Bis dahin würden Busse die Flüchtlinge nach Kaiserlei bringen. Ein Trupp, dem ich zugeteilt bin, verlegt direkt in die Schulen, die sich in unmittelbarer Nä-he zueinander befinden. Dort sind auch Kräfte des THW, der Feuerwehr und des DRK vor Ort. Hinzu kommen Reinigungspersonal und ehrenamtliche Sprachmittler, die vom DRK koordiniert werden.

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Wir erhalten eine Einweisung. Aus Sicherheitsgründen wird befohlen, die Namensschilder abzunehmen. Außerdem erhält jeder zusätzliche Desinfektionsmittel, um sich regelmäßig Hände und Handschuhe zu desinfizieren. Ich habe keine entsprechende Impfung bzw. auch keinen ATN (Ausbildungs- und Tätigkeitsnachweis) für den Küchendienst und kann daher nicht bei der Essensausgabe eingesetzt werden. Der Spieß bereitet uns auf ein unklares Lagebild vor Ort vor. Man wisse nicht, woher die Flüchtlinge kommen und wann sie eintreffen. Bis zum Abend müsse aber in Kaiserlei die geforderte Aufnahmekapazität bereitstehen.

Aufsitzen. Wir verlegen an die Schulen. Die Turnhalle der Anne-Frank-Schule wird bereits geräumt. Einige verbliebene Flüchtlinge stehen mit ihren wenigen Habseligkeiten, die sie mal in einem Koffer, mal nur in einem blauen Müllsack bei sich tragen, an der Bushaltestelle und warten. Auch Schülerinnen und Schüler warten auf den Schulbus. Fast alle haben eine Einwanderungsgeschichte, manche Mädchen tragen Kopftuch. Was wissen die einheimischen Schülerinnen und Schüler über die Namensgeberin der Schule, die ja selbst ein Flüchtling war? Nur an der Kleidung und weil sie getrennt voneinander stehen und die Schülerinnen und Schüler die Flüchtlinge neugierig beäugen kann man einen Unterschied erkennen.

In der Turnhalle hängen noch von den Kindern gezeichnete Bilder an der Wand. Viele Kinder haben Deutschlandfahnen gemalt. Ich glaube kaum, dass deutsche Kinder so oft unsere Farben malen. Was denken sich diese Kinder dabei? Was verbinden sie mit Deutschland? Was haben ihre Eltern ihnen erzählt?

Wir beseitigen die Unordnung, die sich allerdings in Grenzen hält. Es sind Reste der dort ausgegebenen Hygiene-Mittel, Kleidung und Getränke so wie Lebensmittel im Kühl-wagen. Alles wird in die Schulturnhalle der Edith-Stein-Schule schräg gegenüber gebracht. Das ist der erste Auftrag. Dann kommen die Kameraden hinzu, die nur zwei Stunden Ruhe hatten. Sie tragen die Feldbetten hinaus, desinfizieren sie, reißen die Plastikplanen mit denen der Hallenboden abgeklebt war, hinaus, damit die Putzkolonne ans Werk kann. Jemand von der Berufsfeuerwehr Offenbach hat die Leitung übernommen. Die Kameraden sollen danach eigentlich noch nach Kaiserlei, um dort beim Aufbau zu unterstützen. Doch die Leitung entscheidet anders und schickt sie zurück in die Unterkunft, damit sie ausschlafen. Ein Teil unseres Zuges übernimmt. Ich werde später gemeinsam mit drei Kameraden zur Unterstützung nach Kaiserlei abrücken. Während die Männer die Halle wieder so herrichten, dass sie ihrem ursprünglichen Zweck dienen kann, bringe ich gemeinsam mit einigen Kameraden das Material und die Lebensmittel in die benachbarte Halle.

„Milch und Zucker. Dann haben wir Frieden.“

In der Turnhalle der Edith-Stein-Schule ist gerade die Ausgabe des Frühstücks beendet. Von 8 bis 10 Uhr können die Flüchtlinge frühstücken. Ich begrüße die Kameraden. Bis jetzt klappt alles ganz gut. Ich laufe „normal“ mit und es gibt keinen „Politikerstatus“. So habe ich das gewollt, und das geht in der Bundeswehr besser als anderenorts. Die Uni-form und der Dienstgrad sortieren mich ein. Außerdem merkt man schnell, dass jede Hand vor Ort gebraucht wird. Es ist keine Zeit vorhanden, um Bilder zu stellen, wie das so oft geschieht, wenn man als Politiker vor Ort die Lage „inspiziert“. Ein Offizier schimpft deswegen auch. Er habe gehört, was man alles unternommen habe, bevor Gabriel die HEAE Gießen besuchte. Ein realistisches Bild habe Gabriel auf jeden Fall nicht vermittelt bekommen. Es stellt sich die Frage, ob man das dem SPD-Vorsitzenden vor-werfen kann. Auf jeden Fall hat mir der Offizierskamerad recht deutlich zu verstehen gegeben, was er von mir erwartet: Einreihen, anpacken. Darum bin ich hier.

Vor Ort merkt man: Die Abläufe sind eingespielt. Die Ablösungen weisen sich gegenseitig ein. Es gibt auch keine „Reibereien“ zwischen den verschiedenen Hilfsorganisationen und der Bundeswehr. Im Einsatz funktioniert die Zusammenarbeit. Ich stelle fest, dass unter den Kameraden auch zwei CDU-Mitglieder aus Hessen sind. Beide dienen in der RSU-Kompanie und machen nun hier Dienst anstelle der geplanten militärischen Übung. Einen weiteren Kameraden kenne ich von der Universität. Er hat bei mir studiert. Wir freuen uns über das unerwartete Wiedersehen. Auch mit den anderen Kameraden ist es unkompliziert. Manche waren schon im Auslandseinsatz, andere sind schon lange als Reservisten engagiert und der Bundeswehr verbunden. Sie helfen also nicht nur angesichts der Not der Flüchtlinge. Sie helfen, weil die Bundeswehr sie braucht.

Die Flüchtlinge haben alle ein buntes Armband mit einer Nummer bekommen. Anhand des Armbandes wird festgestellt, wer verpflegt wurde. Das ist offensichtlich die einzige Liste, die wir führen. Eine Registrierung der Flüchtlinge erfolgt hier nicht. Ich habe zwar in den zwei Tagen in Kaiserlei auch Mitarbeiter des Regierungspräsidiums gesehen, aber ob und wann die Flüchtlinge ordnungsgemäß erfasst wurden kann, ich nicht sagen. Ich hatte nicht den Eindruck, dass eine Registrierung stattfindet. Aber offensichtlich ist geplant, Kaiserlei zu einer Außenstelle der HEAE Gießen zu machen und dort dann auch Mitarbeiter des BAMF zur Registrierung der Flüchtlinge einzusetzen. So hört man es zumindest. Die Einsatzkräfte haben aber auch so schon alle Hände voll zu tun, um nur den laufenden Betrieb aufrecht zu erhalten wollen: Es geht um die Unterbringung, die Versorgung mit dem Notwendigsten.

Auch wir konzentrieren uns auch auf unseren Auftrag. So erhalten die Flüchtlinge in der Edith-Stein-Schule aus einer improvisierten Kleiderkammer bei Bedarf ein neues Paar Socken, ein Handtuch oder andere Kleidungsstücke. Wir betreuen diese Kammer, die in einem Nebenraum der Turnhalle untergebracht ist. Öffnet man dort die Tür, dann kann man sicher sein, dass sich sofort in eine Traube von Menschen bildet. Jeder fragt nach etwas anderem. Bei den Socken sind vor allem weiße Socken gefragt. Das scheint eine Geschmacksfrage zu sein. Die Flüchtlinge besitzen wirklich nur die Dinge, die sie am Leibe tragen. Manche haben einen Rucksack. Feste Schuhe haben nur die wenigsten. Viele sind mit Flipflops unterwegs. Wie sie den Weg zurückgelegt haben ist schwer vorstellbar. Bei Ankunft erhalten sie neben einem medizinischen Check, den das Rote Kreuz durchführt, auch eine „Erstausstattung“. Das ist ein Plastiksack, in dem einige wenige Dinge enthalten sind: u.a. eine Rolle Klopapier, ein Handtuch, eine dünne Decke, Hygieneartikel. Es ist nicht viel.

Tagsüber sitzen die Familien und die Gruppen beieinander. Die Kinder fragen immer wieder nach Bällen. Manche haben Stofftiere. Draußen vor der Halle spielen einige Fuß-ball. Ständig belagert sind die Steckdosen, an denen alle ihre Smartphone aufladen. Und ständig wird telefoniert. Eine Sprachmittlerin hat mir erzählt, dass die Flüchtlinge nicht nur Kontakt mit Verwandten halten, sondern es auch darum geht, herauszufinden, wo welche Unterkünfte vorhanden sind, in welchem Zustand diese sind, wie das Essen ist und – ganz wichtig – wo man registriert werden kann. Denn offensichtlich wollen viele sich ordnungsgemäß registrieren lassen. Sie haben verstanden, dass das die Grundlage für ihren Aufenthalt und geordnete Verhältnisse in Deutschland ist. Andere, die weiter wollen, verzichten genau aus diesem Grund auf eine Registrierung, bzw. versuchen, dieser aus dem Weg zu gehen.

Zwischen den festen Essenszeiten gibt es Kaffee und Tee sowie Wasser und Milch für die Flüchtlinge. Wir füllen regelmäßig auf. Würfelzucker ist besonders gefragt. Wir können gar nicht so viel Zucker nachlegen wie genommen wird. „Solange genug Milch und Zucker da sind, haben wir hier Frieden“, lacht ein Kamerad. Und in der Tat. Die Kinder kommen und werfen sich drei Stück Zucker in ihre Milch. Manche Männer nehmen auch einfach einige Zuckerwürfel und schieben sich diese grinsend in den Mund. Und wieder legen wir eine Packung nach, denn die vorherige ist nach nicht mal einer Viertelstunde leer.

 

Meine Laufergebnisse #laufpeter

2015 Laufen 02

Ich laufe. Und zwar gerne. Immer wieder. Warum ich das tue, kann man u.a. in meinem Interview mit Achim Achilles und dem Interview mit Julian Heissler nachlesen. Außerdem nutze ich eine App um eine Läufe aufzuzeichnen. Darüber kann man ebenfalls nicht nur streiten, sondern hier nachlesen, wie es dazu kam. Nicht jeder hat das so gut verstanden wie Mike Kleiss. Aber echte Läufer verstehen sich eben.

Wer meiner Lauferei folgen will, der kann das in sozialen Netzwerken unter dem Hasthag #laufpeter tun. Wer den erfunden und eingeführt hat, weiß ich gar nicht mehr. Aber eine der Ursachen, war die oben mehrfach thematisierte Kritik an meinem Sport und dem Umgang damit. Vielleicht war in der Tat der eine oder andere genervt, dass er den Spiegel vorgehalten bekommen hat. Andere habe ich seitdem für das Laufen begeistern können. Das ist eine schöne Erfahrung und diese Ergebnisse zählen mehr als die Resultate von Wettkämpfen und offiziellen Läufen.

Gleichwohl: Und hier sind nun meine Ergebnisse – also die der offiziellen Läufe, an denen ich teilgenommen habe:

Brüder Grimm Lauf

Der Brüder Grimm-Lauf ist eine Institution. Fünf Etappen in 48 Stunden über 82 Kilometer vom Marktplatz in Hanau bis in die Altstadt von Steinau an der Straße – im wahrsten Sinne des Wortes auf den Spuren der Brüder Grimm. Unterwegs unterstützen die örtlichen Vereine von den Turnern bis hin zu den Maltesern die Läuferschar. Ich habe bis jetzt sieben mal Mal teilgenommen und fünf Mal das ersehnte „Finisher“-Trikot in der Katharinenkirche übergeben bekommen – nicht ohne Stolz. Auf das nächste Jahr freue ich mich schon.

2011 7:50:22
2012 7:42:00
2014 7:53:34
2015 7:11:33
2016 6:48:13 PB

Marathon

Im Jahr 2015 bin ich meinen ersten Marathon gelaufen. Auf der schönen und leicht hügeligen Strecke von Schmitten bis Weilburg war der kleine aber feine Weiltalmarathon Bühne für meine Premiere. Ankommen war das Ziel. Ob und wann ich den nächsten Marathon laufe, erfahrt ihr dann.

13. Weiltalmarathon 19.04.2015 04:12:14
34. Frankfurt-Marathon 24.10.2015 04:36:56
33. Reykjavik-Marathon 20.08.2016 04:17:23
43. Berlin-Marathon 25.09.2016 04:07:35
35. Frankfurt-Marathon 30.10.2016 04:00:58
Tel Aviv-Marathon 23.02.2017 03:59:33 (PB)

Halbmarathon

Meinen ersten Halbmarathon bin ich im Jahr 2013 gelaufen. Der heimatliche Vogelsberger Südbahnlauf stand damals auf dem Programm und ist definitiv aufgrund der Landschaft und trotz der 240 Höhenmeter (ungewöhnlich bei einem Halbmarathon) meine Lieblingsstrecke auf dieser Distanz. Hier meine Ergebnisliste für die „halbe Distanz“.

11. Vogelsberger Südbahnlauf 21.07.2013 1:57:57
13. Vogelsberger Südbahnlauf 19.07.2015 1:54:55
14. Händellauf Halbmarathon Halle 06.09.2015 1:45:55 (PB)
14. Vogelsberger Südbahnlauf 17.07.2016 1:47:50

Fortsetzung folgt…

Der Hund meiner Eltern

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Vor einigen Tagen habe ich meine Eltern besucht. Meine Mutter empfing mich mit den Worten: „Die Polizei hat angerufen. Wir sind angezeigt worden – anonym – wegen Dir!“ Eine Frau muss wohl auf dem Polizeiposten in Wächtersbach erschienen sein und hat dort gefordert, dass man gegen meine Eltern ermittelt. Diese würden immer mit ihrem Hund spazieren und der würde dann „alles vollkacken“. Meine Eltern würden aber nicht zur Rechenschaft gezogen, weil ich ja der Generalsekretär der CDU sei.

Wir halten also fest: Das Ordnungsamt der Stadt Wächtersbach – die eigentlichen Übeltäter – drücken beide Augen zu und „schonen“ meine Eltern, weil ich Politiker bin. Und die Presse berichtet nicht darüber – Stichwort „Lügenpresse“ – und vertuscht diese Tatsache ebenfalls. Eine große Verschwörung kommt ans Tageslicht und ich habe meinen ersten großen Skandal. Ob die Frau für Ihre Behauptungen Beweise vorlegen konnte weiß ich nicht. Ich stelle nur mal fest: Meine Eltern haben gar keinen Hund.

(Foto: Tobias Koch)

Meine Predigt zur „Speisung der Fünftausend“

Am 26. Oktober 2014 hatte ich Gelegenheit, im Rahmen einer Veranstaltungsreihe der Evangelischen Kirche Hessen-Nassau in der Wiesbadener Marktkirche eine Predigt zu halten. Den Predigttext findet man im Matthäus-Evangelium, Kapitel 14, Verse 13-21. Es geht um die bekannte Geschichte der Speisung der Fünftausend. Wer wissen will, warum diese Geschichte keine Ankündigung des allumfassenden Sozialstaates ist oder warum es ganz gut ist, dass die Jünger damals nicht verbeamtet wurden, der mag den Predigttext hier nachlesen:

Marktkirche in Wiesbaden

Am Ende des Gottesdienstes in der Marktkirche in Wiesbaden.

Liebe Brüder und Schwestern,

„Und sie aßen alle und wurden satt und hoben auf, was übrigblieb von Brocken, zwölf Körbe voll.“ So heißt es bei Matthäus. Ein schönes Happy End. Da wird am Anfang ein Mangel beschrieben, eine Herausforderung, eine Notlage – und dann kommt der Held, und am Ende ist alles gut.

Eigentlich eine schöne Vorlage für Hollywood oder von mir aus auch für die deutsche Filmförderung. Aber kennen Sie das nicht auch? Wenn man ins Kino geht und wenn dann der Film so wunderschön endet – dann sinkt man vielleicht zufrieden in den Sessel, aber irgendwie sagt man dann auch: „Eigentlich zu schön, um wahr zu sein.“

Daher ist das heutige Evangelium vielleicht doch keine geeignete Filmvorlage – denn die Erzählung von Jesus ist wahr! Vielleicht anders wahr, als wir uns heute eine naturwissenschaftlich-überprüfbare Wahrheit vorstellen. Aber dennoch: Ich glaube daran, dass diese Geschichte wahr ist. Doch was sagt uns diese Geschichte? Anstelle von 5000 will ich heute drei Gedanken mit Ihnen und Euch teilen:

Das Wunder der Gemeinschaft in Christus

Erstens: Jesus schenkt sich uns in der Gemeinschaft. Das Erleben von Gemeinschaft in Jesus schenkt uns einen Mehrwert. Ein technisches Wort, das so viel mehr meint – Frieden, Glück und Geborgenheit. Das Gefühl als Mensch angenommen und angekommen zu sein. Er lässt uns in Überfülle zurück.

„Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ (Mt 18,20) Diese Zusage Jesu erleben wir Christen in jedem Gottesdienst; am deutlichsten bei der Feier des Abendmahles. Und nichts anderes nimmt die Erzählung von der Speisung der Fünftausend vorweg, denn auch hier heißt es: „Er nahm die fünf Brote und die zwei Fische, sah auf zum Himmel und dankte und brach´s und gab die Brote den Jüngern.“ – Nehmen, danken, brechen und geben: all dies kennen wir vom Abendmahl.

Genau hierin liegt für mich eine tiefere Wahrheit der Geschichte. Es geht nicht einfach nur um eine Ethik des Teilens. Es geht durchaus um eine spezifisch christliche Ethik. Es geht um unseren Glauben an die durch Christus gestiftete Gemeinschaft. Denn ohne Jesus, ohne seine Vorwegnahme des Abendmahls wäre die Geschichte tatsächlich nur eine Filmvorlage. Dann wäre die Geschichte tatsächlich eine säkulare Wundergeschichte. Erst durch den Bezug zu Jesus wird diese Geschichte für uns Christen wahr.

Wenn wir also in Christus zusammenkommen, dann werden wir beschenkt, dann erfahren wir Überfülle – die Geschichte spricht von zwölf Körben, die am Ende übrig bleiben. Er macht uns satt. Nicht im buchstäblichen, aber übertragenden Sinne. Unsere Seele findet im Vertrauen auf Gottes Liebe und im Erleben christlicher Gemeinschaft Ruhe. Wir können fröhlich sein.

Sie wissen alle, dass diese Zahl kein Zufall ist: Denken Sie nur an die zwölf Apostel oder die zwölf Stämme Israels. Oder nehmen Sie die zwölf zum Quadrat, dann bekommen Sie 144 – laut Offenbarung des Johannes werden 144 000 gerettet werden. Zahlen haben in der Bibel immer Bedeutung.

Wofür stehen aber die zwölf Körbe? Zwölf ist das Produkt aus Drei und Vier. Drei ist die göttliche Zahl – Stichwort Dreifaltigkeit. Vier ist die menschliche Zahl oder die Zahl der irdischen Welt – vier Himmelsrichtungen, vier Elemente. Damit steht Zwölf für die Verbindung von Himmel und Erde, von Gott mit den Menschen. In der Zahl Zwölf berühren sich also Himmel und Erde.

Auch bei Lukas können wir von einer weiteren Speisenvermehrung lesen, der sogenannten Speisung der Viertausend. Dort bleiben am Ende sieben Körbe übrig. Diese Zahl ist nichts anderes als die Zwölf, da sie zwar nicht das Produkt, aber die Summe aus Drei und Vier ist.

So viel zur Zahlenspielerei: Am Ende bleibt die Botschaft, Gott und Mensch begegnen sich in dieser Geschichte. Sie begegnen sich jedoch nicht irgendwo, sondern in Christus.

Und das ist ja auch die Botschaft des gesamten Evangeliums: Jesus predigt stets vom Reich Gottes. Aber er predigt nicht nur vom Reich Gottes; er selbst als Person und auch sein Handeln sind ebenfalls immer ein Verweis auf dieses Reich Gottes.

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Mit Pfarrer Dr. Jeffrey Myers an der Kirchentür.

Brotvermehrung als Vorwegnahme des Himmelreiches

Damit bin ich bei meinem zweiten Punkt: Die Brotvermehrung als Vorwegnahme des Himmelreiches. Die Erzählung verführt, sie als politisches Programm und als Auftrag für unser Leben im Hier und Jetzt auszulegen. Das klingt verlockend und nach einer einfachen „Übersetzung“; geht aber an ihrem eigentlichen Kern vorbei. Auf den Verweischarakter von Jesus – auf die darstellende, übertragene Bedeutung, Bilder und Geschichten, die uns einen tieferen Sinn aufzeigen sollen – habe ich bereits hingewiesen. Werfen wir aber noch einen Blick auf den Ort des Geschehens:

Matthäus und Lukas sprechen von einer „Wüste“, Markus von einer „wüsten Stätte“. Die Einheitsübersetzung übersetzt mit „einsame Gegend“ oder „einsamer Ort“. Egal, welcher Übersetzung man folgt: Es handelt sich stets um einen Ort außerhalb der ‚zivilisierten‘ Welt – Jesus selbst entrückt dieses Geschehen unserer Welt; er verweist nicht auf das Hier und Jetzt, sondern auf das kommende Reich Gottes.

Das mag für den einen oder anderen von Ihnen zunächst einmal befremdlich klingen. Aber rufen Sie sich einmal die vielen guten Taten Jesu in Erinnerung, von der die Evangelien erzählen. Mir ist kein Fall einer Heilung bekannt, in deren Nachgang Jesus sagen würde: So, jetzt kannst Du wieder arbeiten gehen, Geld verdienen und Deine Familie durchbringen – am besten natürlich noch Steuern zahlen, damit das ganze Gemeinwesen gut funktioniert.

Jesu Wirken in der Welt war immer ein Wirken, das über das Hier und Jetzt hinauswies; es geht bei diesem Wirken immer um den Erlösungsgedanken; denken Sie nur an einen Satz wie: „Dein Glaube hat Dir geholfen.“

All das bedeutet, dass wir Jesus und die Erzählungen von seinem Wirken nicht missverstehen dürfen als praktischen Aktionsplan für die Bewältigung des täglichen Lebens. Natürlich schenkt uns Jesus, schenkt uns seine Botschaft Orientierung für unser eigenes Leben. Natürlich sind wir als Christen aufgerufen, bereits hier auf Erden am Reich Gottes mitzubauen. Wir würden uns aber übernehmen und uns selbst überfordern, wenn wir glaubten, wir selbst könnten diese Welt erlösen.

Die Geschichte von der Brotvermehrung verweist auf das Reich Gottes, auf unsere Erlösung, auf die Erlösung der ganzen Welt.

Die Grenzen des Politischen

Damit bin ich bei meinem dritten und letzten Punkt: Denn mit dem Verweis auf das Reich Gottes beschreibt die Geschichte auch die Grenzen des Politischen.

Als Politiker erliegt man ja oft der Versuchung, für alle Probleme eine Lösung parat haben und jederzeit Handlungsfähigkeit unter Beweis stellen zu müssen. Umschrieben wird das häufig mit dem schrecklich klingenden Wort ‚Problemlösungskompetenz‘.

Auf die Spitze treiben wir Politiker diese Versuchung in der aberwitzigen Vorstellung, die Welt retten – oder in anderen Worten: die Welt erlösen zu können. Dieser Anspruch ist an Hybris und Selbstüberschätzung wahrscheinlich kaum zu übertreffen.

Aber – dieser Einschub sei mir erlaubt – eine solche Selbstüberschätzung hat ja ihren Ursprung nicht bei den Politikern alleine. Auch Wählerinnen und Wähler, Medien, Interessenvertreter treten mit dieser Erwartung an Politik heran.

Schauen wir uns doch nochmal kurz die Erzählung an: Da gibt es ein Problem, mit dem die Jünger Jesus konfrontieren. Der Ort ist öde, die Menschen hungrig. Und fünf Brote und zwei Fische sind für die Masse der Menschen – nach logischem Menschenverstand – eigentlich nicht genug. Eine typische Ausgangsposition eines Politikers.

In meiner Welt würde es jetzt erst richtig losgehen. Da würden einige Jünger ein erstes Konzept erarbeiten; Mehrheiten werden gesucht; Gegenkonzepte erstellt; Kompromisslinien gesucht; Petitionen eingereicht und so weiter und so fort.

Am Ende würde vielleicht ein Kompromiss stehen, der erst einmal berücksichtigt, wer von den vielen Menschen überhaupt bedürftig ist. Denn es ist doch nicht gerecht, wenn ein reicher Kaufmann unter den Zuhörern genauso behandelt werden würde wie ein arbeitsloser Fischer. Dann müsste aber natürlich auch Bedürftigkeit definiert werden und die Bedürftigen müssten ihre Bedürftigkeit nachweisen.

Am Ende muss das Ganze überwacht werden – mir käme da eine mögliche Verbeamtung der Apostel in den Sinn.

Stellen wir uns dies alles einmal vor: Glauben wir tatsächlich, dass am Ende noch zwölf Körbe übrig bleiben würden?! Das ganz vernünftig sogar eine Rücklage gebildet wurde? Nein, die Brotvermehrung ist keine Parabel auf das Politische, das ist nicht der Entwurf des allumsorgenden Sozialstaates.

Jesus geht es nicht einfach um das Stillen materieller Bedürfnisse – denken Sie nur an den Satz: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.“ Es geht um Bedürfnisse, die über das Materielle hinausgehen; um Bedürfnisse, die das Geistige in den Blick nehmen, das Bedürfnis nach Erlösung.

Wir werden – so hoffen wir – Erlösung im Jenseits erwarten dürfen. Aber eine Ahnung dieser Erlösung können wir bereits im Hier und Jetzt bekommen.

Es ist eine Erlösung, die auf das Miteinander bezogen ist. Eine Erlösung in der Gemeinschaft – Gemeinschaft in der Familie, im Freundeskreis, in der Nachbarschaft, in der Kirchengemeinde, aber auch im gesellschaftlichen Miteinander. Hier sehe ich eine zentrale Aufgabe von Politik. Das lehrt uns das Gleichnis wieder: Sie muss für einen starken Zusammenhalt sorgen, für ein gelingendes Miteinander, für mit Leben gefüllte Solidarität.

Am Anfang dessen steht der Gedanke an die Freiheit des Einzelnen. Denn Freiheit steht am Beginn der christlichen Botschaft. Wenn man die Schöpfungsgeschichte liest, gerade auch die Erzählung von der Vertreibung aus dem Paradies, dann wird deutlich: Gott hat uns Menschen als freie Wesen geschaffen. Gott wollte keine Marionetten oder Roboter, die einfach tun, was er sagt.

Daher heißt es auch bei Paulus im Galaterbrief – ich zitiere: „Ihr aber seid zur Freiheit berufen.“ (Gal 5,13)

Und wenige Tage vor dem Reformationstag erinnere ich auch gerne daran, dass eine der wichtigsten Flugschriften von Martin Luther den Titel trägt: „Von der Freiheit eines Christenmenschen“. Hier beschreibt Luther treffend den scheinbaren Widerspruch der Freiheit: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“

Freiheit ist ein Schlüsselbegriff für uns Christen. Und gerade Politiker sind hieran fest gebunden. Die Freiheit zu achten, ist Auftrag der Politik. Gleichzeitig muss Politik die eigenen Grenzen kennen. Politik hat nicht die Aufgabe, die Welt zu retten; aber sie kann dabei helfen, dass Menschen im Miteinander und im Zusammenhalt eine Ahnung davon erfahren dürfen, was Erlösung und Begegnung mit Gott bedeuten kann.

Auch für diesen Gedanken steht die Erzählung von der Speisung der Fünftausend.

Schluss

Lassen Sie mich meine drei Punkte in drei Zitaten zusammenfassen. Mein erster Gedanke bezog sich auf die Gemeinschaft, deren Erleben ein Geschenk ist. Hierzu ein Zitat eines protestantischen Märtyrers. Klaus Bonhoeffer, der ältere Bruder Dietrich Bonhoeffers, ebenfalls von den Nationalsozialisten hingerichtet, schreibt in seinem Abschiedsbrief: „Wer aber herzlich dankbar annimmt, gibt oft mehr.“

Meinen zweiten Gedanken – die Brotvermehrung als Vorgriff auf das Himmelreich – möchte ich unter einen Ausspruch stellen, der auf den Philosophen Karl Popper zurückgeht; er heißt: „Wer den Himmel auf Erden will, schafft die Hölle auf Erden!“. Oder wie Bundespräsident Joachim Gauck einmal sagte: „Sie hatten vom Paradies geträumt und wachten in Nordrhein-Westfalen auf.“

Schließlich noch ein Zitat zu den Aufgaben des Politikers. Das Zitat stammt von Papst Benedikt, und ich finde, dass man fast 500 Jahre nach dem Thesenanschlag Luthers auch einen Papst in einer evangelischen Kirche zitieren darf. Vor dem Deutschen Bundestag sagte Benedikt: „Wie wäre es, wenn uns, den Gesetzgebern von heute, eine Bitte freigestellt wäre? Was würden wir erbitten? Ich denke, auch heute können wir letztlich nichts anderes wünschen als ein hörendes Herz – die Fähigkeit, Gut und Böse zu unterscheiden und so wahres Recht zu setzen, der Gerechtigkeit zu dienen und dem Frieden.“

Genau diese Bitte möchte ich auch heute äußern. Und ich möchte Sie bitten, mich und alle Verantwortungsträger unseres Landes in diesem Sinne in Ihr Gebet zu nehmen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Ewigkeit. Amen!

„Wir wollen euch scheitern sehen“ von Alexander Görlach (Buchbesprechung)

Schließlich sprach nicht nur die ganze Stadt darüber, sondern auch die BILD sowie die Radiosender griffen die Geschichte auf. In einem Ort in meinem Wahlkreis musste eine Sitzung der Stadtverordnetenversammlung abgebrochen werden, weil der Bürgermeister angeblich total betrunken war. Viele, die darüber nun reden, meinen zu wissen, dass Sie den Bürgermeister schon anderenorts im alkoholisierten Zustand getroffen haben, was für sich genommen kein Skandal ist, denn Bürgermeister besuchen auch Volksfeste in ihrer Stadt und trinken dann oft nicht nur Wasser. In den Kontext gesetzt wird so aber schnell ein Gerücht daraus. Der Mann könnte ein Problem haben. Es wird geraunt und gemutmaßt. Niemand weiß etwas, aber jeder redet darüber. Wehren kann sich der Bürgermeister nicht, denn natürlich geschieht dies nie in seiner Gegenwart. Und keiner stellt die Frage, ob der Mann, der sicherlich einen stressigen Job hat, wie viele andere die zur Bewältigung ihres Stresses Alkohol trinken, vielleicht Hilfe braucht, weil er das Maß verloren haben könnte. Es geht denen, die darüber reden gar nicht um den Menschen, es geht um die Verfehlung, den vermeintlichen Skandal und die Häme.

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Wer sich abhebt wird zurechtgestutzt

Alexander Görlach hat ein Buch darüber geschrieben, wie wir als Gesellschaft mit unseren Repräsentanten, er nennt sie etwas überzogen „Helden“, umgehen. Wie schaut unsere Gesellschaft auf Politiker, Künstler, Schauspieler, Sportler und Personen des öffentlichen Lebens? „Wir wollen euch scheitern sehen!“ heißt sein Buch. Er stellt nicht nur die Frage, inwieweit unser Blick auf öffentliche Personen und deren Fall(en) – von Uli Hoeneß bis Christian Wulff – ein Abbild für den Umgang miteinander in unserer Gesellschaft ist. Er stellt die Gretchenfrage: Wer will in einer solchen Gesellschaft noch Verantwortung übernehmen und sich öffentlich exponieren? Wahrscheinlich die wenigsten.

„Neid muss man sich verdienen.“ lautet ein geflügeltes Wort. Neid ist eine Todsünde. Und in der Tat neiden wir anderen den Erfolg. Wir unterstellen all zu oft, dass dieser nicht mit harter Arbeit erreicht wurde, sondern das Ergebnis von Zufällen, im schlimmsten Fall sogar von „Mauscheleien“ und Intrigen ist. Mindestens aber unverdient. Das hindert uns nicht daran, uns selbst gegenseitig stets zu versichern, wie tolerant und gerecht wir doch sind. Mindestens aber selbstgerecht.

Wenn also jemand fällt – egal ob der Grund das Fallen rechtfertigt wie beim Bundestagsabgeordneten Sebastian Edathy oder nicht – wie beim künstlichen Skandal um Rainer Brüderles „Herrenwitze“ -, dann kann derjenige in unserer Gesellschaft nicht mit Mitleid oder Barmherzigkeit rechnen. Er muss erst zerschmettert aufschlagen. Das ist das Mindeste. Dann ist aber meist trotzdem niemand da, der ihm aufhilft. Die zertrümmerten Gliedmaßen mag ein anderer auflesen. Görlach benennt nur den Fall von Margot Käßmann, der ihre Verfehlung (das Autofahren unter Alkoholeinfluss) öffentlich verziehen worden sei und die nach einer kurzen Buße heute wieder eine akzeptierte Autorität ist. Mir fällt auch kein anderes Beispiel ein, muss ich zugeben.

 So machen wir keine Lust auf Verantwortung

Görlachs These ist, dass wir bei Verfehlungen von Personen, die in der Öffentlichkeit stehen, immer die Ursache in der Persönlichkeit des Betroffenen suchen, für uns aber stets in Anspruch nehmen, dass es äußere Umstände waren, die für unser eigenes Fehlverhalten ausschlaggebend waren. Ob das so ist, mag der geneigte Leser selbst beurteilen. So richtig widersprechen mag man Görlach aber wohl nicht. Das Messen mit zweierlei Maß ist weit verbreitet in unserer Gesellschaft. Den Splitter im Auge unseres gegenüber sehen wir gleich. Den Balken im eigenen Auge? Nicht der Rede wert.

Als ungute Mischung beschreibt Görlach die exorbitant hohen moralischen Ansprüche der Gesellschaft an öffentliche Personen verbunden mit der Aufkündigung der Unschuldsvermutung. Das ist nur folgerichtig, denn ich der Tat ist es kaum vorstellbar, dass es jemanden gibt, der diesen nicht nur moralisch hohen, sondern eher moralisierenden Ansprüchen gerechten werden könne. Wenn wir ehrlich sind, dann sind die formulierten Ansprüche so hoch, dass das Scheitern zwangsläufig ist. Die Frage ist nur wann und durch welchen Anlass. Aber kann das gut sein?

Für Görlach ist das nicht nur eine Frage der Empathie einer Gesellschaft, sondern damit verbunden fragt er, wer in einer solchen Gesellschaft noch bereit ist, sich zu exponieren und Verantwortung zu übernehmen. Denn – so Görlach weiter – nicht die Ideen und Themen stünden im Mittelpunkt von Debatten, sondern die Persönlichkeiten, die sie vortragen verbunden mit der Suche nach unvermeidlichen Brüchen und Widersprüchen zur vorgetragenen Idee. Görlachs Kritik zielt auch darauf ab, dass die sich entzündende Empörung keine echte Wirkung hat. Sie führt nicht zum Wandel, zum Anstoß von Veränderungen, sondern sie bedient die Lust am Scheitern, das Zurechtstutzen von Menschen, die oft von uns selbst zuerst auf ein Podest gestellt worden sind. Sie redet so dem Mittelmaß das Wort.

Die Gedanken des Autors springen manchmal. Von Augustinus bis Luther und aktuellen Fällen wirft es uns Sätze zu, die man schnell liest, aber nicht überlesen sollte. Manche kommen ganz unvermittelt und lohnen doch ein Verweilen und Nachdenken. Einer dieser Sätze lautet: „Der Mit-Mensch hat Mit-Leid verdient und den Respekt, also jenen Abstand, mit dem wir auf sein Leben schauen und uns ein vorschnelles Urteil verkneifen.“ Nicht nur aufgrund von Twitter und Facebook ist man mit dem vorschnellen Urteil in der Tat schnell bei der Hand. Mir geht das selbst so.

Sind die Analogien und Bilder des Autors so vielseitig, dass es mir manchmal etwas zu schnell geht und ich gerne noch bei einem Aspekt verweilen würde, so findet doch jeder Leser etwas, das ihn zum Nachdenken einlädt. Gut gefallen mir die Überlegungen Görlachs zum Verhältnis von Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Denn in der Tat geht es bei der Gerechtigkeit darum, einen Ausgleich zu schaffen. Nicht von ungefähr verwendet Görlach dafür den Begriff des „Algorithmus“, der diesen Ausgleich herbeiführen soll. Der Barmherzigkeit ist dieses Denken fremd. Und sie ist die Grundlage für Empathie und den Zusammenhalt einer Gesellschaft. Darin stimme ich mit Görlach überein.

Der Autor konfrontiert uns mit seiner These, dass aber genau das in unserer Gesellschaft wenn nicht verloren, so doch auf dem Rückzug sei. Der offene Diskurs sei ersetzt durch Vorurteile und Tabus. Das gegenseitige Belauern und die Suche nach Fehlern bei anderen stehe dem freien Denken und der Entwicklung neuer Ideen entgegen. Übersetzt: Wir sind eine Gesellschaft, die nicht nach dem Gelingen sucht, sondern darauf wartet, dass andere scheitern. Wenn das stimmt, dann müssen wir dagegen etwas tun.

Das Gegenmodell

Als Antwort wie man dem Befund Görlachs begegnen kann, gibt der Autor uns  zwei Tugenden an die Hand: die Solidarität und die Sympathie. Auch diese seien rational nicht fassbar, aber die passende Antwort auf eine um sich greifende Häme. Die „Liebe zur res publica“, Ungleichheit nicht nur akzeptieren, sondern als Chance zu sehen und  sowie „Milde gegen den Sünder“ walten zu lassen sind nur drei von mehreren Ratschlägen, die der Autor dem Leser mit auf den Weg gibt. Gerade dieser Teil gefällt mir besonders gut.

Das Gegenmodell ist eine Gesellschaft, in der man etwas erreichen kann, wenn man sich anstrengt. Und in der wir akzeptieren und es sogar als richtig empfinden, das Können und Glück in einer freien Gesellschaft Unterschiede hervorbringen, wie es Alexander Görlach richtig formuliert. Er erinnert uns an Martin Luther, der uns vor Augen geführt hat, dass der Mensch immer zugleich ein Sünder und ein Gerechter ist. Heißt das, dass es keine Helden geben kann? Nein. Es heißt, dass auch Helden Fehler machen. Und es heißt, dass jeder von uns ein Held sein kann. Und das ist ein schöner Gedanke.

Das Lesen des Buches und vor allem das Nachdenken darüber ist lohnenswert.

Merkwürdige Suchbegriffe und mein Blog

Ehrlich gesagt gehört das Bloggen zu den Dingen, die ich besonders gerne tue. Dort hat man den Raum, einige Gedanken fernab der Tagespolitik und auch anders als in einer Pressemitteilung darzustellen. Außerdem entstehen oft gute Diskussionen und ich freue mich über die Resonanz.

Besonders gefällt mir aber auch die Statistik. Man sieht, wie viele Leser welchen Text gefunden haben. Und man merkt, ob ein Text „zeitlos“ ist. Meine Meinung zu Che Guevara beispielsweise findet fast täglich Leser, was wohl daran liegt, dass der vermeintliche „Held“ oft als Suchbegriff in den Suchmaschinen nachgefragt wird. Ähnliches gilt für meine kurze Abhandlung über die Fußballspiele während des Weihnachtsfriedens 1914 entlang der Westfront. geschenk_2012

Mein liebstes Werkzeug ist aber die Übersicht, die mir zeigt, mittels welcher Suchbegriffe Nutzer auf meinem Blog gelandet sind. Da tauchen herrliche Fragen und Suchbegriffe auf und jetzt wollte ich einfach mal die besten zusammenstellen.

Die Antworten auf die gestellten Fragen liefert mein Blog meistens leider nicht, darum reiche ich Sie hier natürlich gerne nach!

Ein Nutzer fragte „Wer ist gescheiter als ein Oberstudienrat?“ und landete auf meinem Blog. Die Antwort auf diese rhetorische Frage kann nur ein kurzes „Niemand“ sein. Zumindest würden die so antworten, die der Überzeugung anhängen, Lehrer hätten vormittags recht und nachmittags frei. Angesichts der Kenntnisse mancher Pädagogen über die Internetnutzung ihrer Schülerinnen und Schüler könnte man diese Frage aber auch so beantworten: „Mit Blick auf soziale Netzwerke und das Netz in der Regel die Schülerinnen und Schüler des Oberstudienrates.“ Eine Tatsache, die man dringend ändern muss, wie ich finde. (Alle Lehrer, die das lesen, sind natürlich nicht gemeint. Aber schauen Sie sich  auch einmal in Ihrem Kollegium um! Wenn Sie dann noch widersprechen können, dann unterrichten sie  an einer Insel der Glückseligen.)

Allerdings scheinen doch mehr Internetkritiker in diesem Netz unterwegs zu sein, als gemeinhin gedacht. So klagte jemand, die „heranwachsende Generation versteht nicht den Mehrwert von gedrucktem Papier mit den Nachrichten von gestern“ und wurde von einer Suchmaschine mit dieser Frage auf meinen Blog weitergeleitet. Oder war das etwa ein ironischer Kommentar?

Mich interessiert außerdem, wer eigentlich „Lena Reinhard“ ist. Und warum landet man auf meinem Blog, wenn man sie googelt? Das habe ich auch noch nicht rausgefunden.

Besonders gefallen mir natürlich die Suchanfragen mit historischem Kontext. Aber „Menschenrechte im Mittelalter“ ist eine vergebliche Suche, wenn man ideengeschichtlich die Folgen der Aufklärung ausblendet. Und warum man mit der Frage bei mir landet, bleibt ebenfalls ein Mysterium.

Ich teile ja mit Ansgar Heveling die Leidenschaft für Cordanzüge. Daher scheint es mir durchaus konsequent, wenn man mit der Suche „Weltcordtag“ den Weg zu mir findet. Gebloggt habe ich allerdings darüber noch nicht.

Grundsätzlich war ich übrigens der Auffassung, dass mein Blog den Anforderungen des Jugendschutzes genüge tut. Allerdings landete jemand doch glatt mit seiner Suche nach „nackte Gewalt Film Porno“ auf meinen Blog. Erklären kann ich mir auch das nicht.

„Wie stehen die Chancen, dass ein Schwarzer in der Verwaltung eingestellt wird?“ wollte ein Nutzer wissen und landete beim schwarzen Peter. Ich würde sagen: wenn der Landrat oder Bürgermeister ein Sozi ist, dann sind die Chancen ziemlich gering, zumindest wenn es um das Parteibuch geht.

Offensichtlich muss auch die Bundeswehr die Information der in den Auslandseinsatz verlegten Truppenteile verbessern. Nachdem ich ja die Gelegenheit zu einem Truppenbesuch am Hindukusch hatte und darüber in der Tat gebloggt hatte, führte die Frage „Bekommt man auf dem Flug nach Mazar Scharif Essen?“ direkt zu mir. Vielleicht war das aber auch eine besorgte Mutter, die wissen wollte, ob ihr Sohnemann bei der Bundeswehr gut verpflegt wird. Wir wissen ja: Ohne Mampf, kein Kampf!

Aktuell hoffte jemand auf meinem Blog eine Liste „bisher von Steinbrück beleidigte(r) Völker“ zu finden. Das ist eine gute Idee. Die Liste wird ja fast täglich länger. Vielleicht nehme ich mir das als Blogthema demnächst mal vor. Fündig wird man da bis jetzt aber eigentlich nicht.

Mein Lieblingssuchbegriff ist aber „Friseurbesuch“. Ich muss mal mit den Programmierern der Software reden. Es scheint ein Bug zu sein. Ich hatte zwar noch Haare, als der Sozialismus in der Zone noch real existierte, aber den Besuch beim Friseur habe ich spätestens 1995 nach dem Wehrdienst eingestellt. Warum jemand mit dieser Suche auf meinem Blog landet, ist und bleibt ein Rätsel.

Menschen, die mich dieses Jahr beeindruckt haben.

Das schöne an meiner Arbeit als Bundestagsabgeordneter ist, dass ich immer wieder Menschen treffe, die mich tief beeindrucken und die aus meiner Sicht echte Vorbilder sind. Schon letztes Jahr habe ich an dieser Stelle von ihnen berichtet. Auch in den letzten Monaten sind sie mir wieder begegnet und mit ihrem Tun sind sie für mich eine stetige Motivation.

Einer dieser Menschen ist auf jeden Fall Martin Stolle. Der junge Mann, der an Leukämie erkrankt ist, hat eine Welle der Solidarität ausgelöst. Allen, die ihn unterstützen, die für ihn eine Typisierungsaktion organisiert haben, die überregionale Aufmerksamkeit und 5.000 Menschen erreichte, muss man ein großes Dankeschön sagen. Martin Stolle selbst ist eine beeindruckende Persönlichkeit, weil er wahrscheinlich auch aufgrund seiner Art diese Solidarisierungswelle ausgelöst hat, sondern weil er es sich zum Ziel gemacht hat, anderen Mut zu machen, in dem er ganz offen über seine Krankheit spricht und auf Facebook andere teilhaben lässt. Dass für ihn ein passender Knochenmarkspender gefunden wurde, ist ein Glücksfall. Die positive Lebenseinstellung des jungen Mannes auch.

Neulich habe ich Hanna Boeckler, geboren am 2. Juni 1929, kennengelernt. Sie ist die älteste Bundesfreiwillige und leistet ihren Dienst in einer kirchlichen Einrichtung ab. Die rüstige Dame hat mir sehr engagiert von ihrer täglichen Arbeit berichtet. Sie ist eine echte Brücke zwischen den Generationen. Das zeigt, dass es gut war, nach dem Ende des Zivildienstes die Freiwilligendienste deutlich auszubauen. Es ist schön, dass es so viele Menschen gibt, die bereit sind, ein Jahr freiwillig einen Dienst für unser Land zu leisten. Die junge Freiwillige Sami Barenz, die in Meerholz ihren Dienst tut, hat ihre Motivation in einem Satz zusammengefasst. Auch sie hat mich mit ihrer offenen Art berührt. Sie hat gesagt: „Ich wollte gerne Gutes tun.“ Schöner kann man es nicht sagen.

Überrascht hat nicht nur mich die Nachricht, dass sich der Gründauer Bürgermeister Heiko Merz dafür entschieden hat, nicht wieder für das Amt zu kandidieren. Das ist ein ungewöhnlicher Schritt – gerade weil Merz vor Ort auch nicht mit einem Thema konfrontiert war, dass die Menschen so aufgebracht hat, das er im Amt zerrieben worden wäre. Das Gegenteil ist der Fall. Er ist allseits beliebt und auch ich schätze ihn menschlich sehr. Wir hatten immer ein gutes und kollegiales Miteinander über die Grenzen der Parteien hinweg. Darum will ich mich nicht an den Spekulationen für die Gründe beteiligen. Ich stelle nur fest, dass es in der Politik ruhig mehr Charaktere wie ihn geben sollte.

Intensiven Kontakt hatte ich dieses Jahr zum THW. Die Kameraden in Bad Orb haben mit ihrer Ortsgruppe ein großes Jubiläum gefeiert. Ich freue mich, dass ich in Berlin dafür sorgen konnte, dass wir die Mittel für das THW, das im Gegensatz zu den Feuerwehren vom Bund finanziert wird, erhöht haben. Generell sollten wir uns vornehmen, allen Freiwilligen bei den Feuerwehren, dem DRK und dem THW für ihren Einsatz zu danken. Das kann man gar nicht oft genug tun. Darum sei es hier noch einmal gesagt: „Danke liebe Männer und Frauen! Ihr Einsatz ist im wahrsten Sinne des Wortes Gold wert.“

Für das kommende Jahr freue ich mich wieder auf viele Begegnungen vor Ort. Der wahre Reichtum dieses Landes sind die Menschen, die anpacken, die etwas erreichen, die Verantwortung für andere übernehmen und nicht nur meckern und jammern. Das gilt für die verantwortlich handelnden Unternehmer genauso wie für die engagierten Mitglieder der vielen kirchlichen und sozialen Initiativen. Es gilt für die Jugendlichen, die sich gesellschaftlich und politisch engagieren, sowie auch die Senioren, die den „Ruhestand“ nutzen, um weiter ehrenamtlich Verantwortung zu übernehmen. Sie alle braucht unser Land. Und sie sind für mich täglich ein neuer Ansporn für meine Arbeit. Und da ich viele solcher Menschen kenne, schaue ich optimistisch in die Zukunft.